Ode an Bode (Miller)

 

Fertig lustig

Abfahrt ohne Bode Miller ist wie ein Porno, aus dem die Sexszenen rausgeschnitten wurden. Eine Ode an den schillerndsten Skifahrer der Welt.

Die Rocky Mountains sind frisch verschneit, die Alpen endlich ebenso, und das erste Abfahrtsrennen steht an, in Lake Louise, Kanada. Die Klasse 1a der Speedfahrer ist bereit, steht Ski bei Fuss: Da ist Aksel Lund Svindal, der Primus. Kjetil Jansrud, sein Musterschüler. Hannes Reichelt, der Klassensprecher. Christof Innerhofer, der Schönling. Carlo Janka, der Grübler. Dominik Paris, der Draufgänger, Matthias Mayer, der Chorknabe, Ted Ligety, der Klassenclown, und womöglich auch noch Marcel Hirscher, der Streber, der neu Ambitionen in den Speeddisziplinen hegt. Selbst der Faulenzer Beat Feuz liegt nur vorübergehend flach, verletzt, will im Januar zurück sein. Einer aber fehlt – das Genie, der Star. Einer, der zwar immer gerne geschwänzt hat, dann aber bei den grossen Prüfungen allen andern die Show stahl. Einer fehlt, und ist nicht zu ersetzen: the one and only Bode Miller.

Bode Miller, 38, hat über den Sommer statt sich selbst lieber Pferde trainiert, hat ein Kind bekommen, das dritte, von einer dritten Frau, soll für NBC Rennen analysieren und Werbung machen für neue Ski. Neue Ski? Ja, «Bomber» heissen sie, eine italienische Luxusmarke. Könnte es sein, dass er nächstes Jahr damit an den Start geht, bloss pausiert? Schön wär’s, aber kaum realistisch.  «Ich war schon vor 10 Jahren alt», sagte Miller selbst, als ihn neulich jemand auf seine Rennfahrer-Zukunft ansprach. Außerdem brauche er gar kein Spektakel, hat er immer wieder betont, keinen grossen Moment, um aufzuhören. Dieser stille Abschied ist ihm gelungen: Dass er diese Weltcupsaison nicht fährt – wahrscheinlich überhaupt keine mehr –, war ihm nicht mal einen Tweet wert. Schon gar keine Pressekonferenz mit Tränen, wie sie mittlerweile die Regel ist bei abtretenden Sport-Ikonen. Und doch war Bode Millers Abschied – sein richtiger, bei seinem letzten Rennen – der spektakulärste überhaupt.

Es war der 5. Februar 2015 und der Vorfall typischer, als es Miller selber lieb sein konnte. Er gab an diesem Tag wieder mal ein Comeback, beim WM-Super-G in Beaver Creek. Gerade mal neun Wochen davor wurde ihm eine Handvoll Bandscheibenknorpel aus dem Rücken rausoperiert. Trainiert hatte er diesen Sommer kaum, nach der Operation erst mal gar nicht mehr. Und dann stand er oben an der «Birds of Prey», auf dem Berg, «an dem du alles machen kannst», wie er seine Lieblingsstrecke einmal beschrieb. «Der Schnee dort ist derart aggressiv, du kannst den Ski hinsetzen, wie du willst, und du weißt, er hält, er rutscht nicht weg.» Miller steht mit stoischer Miene da, stösst sich ab, die Hände in Fausthandschuhen, wie sie sonst eigentlich nur Kinder tragen. Bei der ersten Zwischenzeit liegt er vorn. Doch dann erst dreht er auf, dreht durch, rammt ein Tor nach dem andern um, immer enger, schräger, gnadenloser. Die Ski geben keinen Millimeter nach. Dass er zwei, drei Mal mit der Hand anhängt, weil er derart nah an den Stangen ist – egal, der Vorsprung wächst und wächst. Erst vierte Anhänger ist zuviel: Miller hebt ab, wird herumgeschleudert, verkantet die Ski, verliert sie beide, prallt auf und hört den Kollektivschrei, der ihm aus dem Ziel entgegenschallt, wo auch seine Frau und Kinder stehen. Tausenden von Skifans stockt der Atem, sie ahnen: Das war’s. Sein letzter Sturz.

Bode Miller, Sohn von Hardcore-Hippies (seine Schwester heisst Genesis Wren Bungo Windrushing Turtleheart Miller), aufgewachsen in einem Blockhaus und selbst als Millionär im Wohnmobil unterwegs, hat seinen Beruf revolutioniert. Erst mal in rein sportlicher Hinsicht: Miller gelang eine Neudefinition von dem, was Olympiasieger Bernhard Russi über viele Jahre als “Ideallinie” im Schweizer TV-Bewusstsein verankerte. Die Ideallinie Miller’scher Prägung führt nicht dem kürzesten Weg entlang, auch nicht dem sichersten, sondern jenem, der für maximale Beschleunigung sorgt. Beschleunigung in einem Maß, wie nur Miller sie kontrollieren konnte. Die damals neuen Carvingski kamen ihm dabei zugute: Er entwickelte ein Gespür dafür, wo er den Schwung ansetzen musste, welcher Radius gerade noch drin lag, wie viel Spannung und wie viel Schräglage er sich erlauben durfte. Jede Bodenwelle machte er sich zur Freundin, jeden Druckpunkt zum Komplizen. So untrüglich war sein Gespür, dass man vom Miller-Instinkt sprechen muss: Er liess seine 95 Kilo jeweils genau im richtigen Moment komprimieren und dann katapultieren – zum nächsten Tor, zum Ziel, zum Sieg.

Untrügliches Gespür? Nun ja, beinahe. Unvergessen Kitzbühel 2008, als Miller die entscheidende Steilhang-Ausfahrt nicht auf, sondern neben der Piste fuhr, auf einer Sicherheitsplane  – und Zweiter wurde, hinter Didier Cuche. Unvergessen auch Wengen ein Jahr zuvor, als ihm im Ziel-S die Kraft ausging, er durchs Ziel stürzte – und das Rennen gewann. Unvergessen seine Ausfälle im Slalom, die immer demselben Muster folgten: Vollgas, Rücklage, und schwupps. Bode Miller, fünffacher Slalom-Sieger, wurde im Lauf der Jahre einfach zu schwer für diese Disziplin, oder besser: für seine Interpretation davon. Diese Interpretation zu ändern, das wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Bloß «runterkommen», ohne Fehler? Auf Punkte fahren statt auf Sieg? Wie ein Ivica Kostelic, ein Benjamin Raich? Nicht er. Nicht Bode Miller.

Bode Miller konnte sanftmütig sein, ein Mädchenschwarm mit Teddyblick, aber auf der Piste mutierte er. Man muss den Miller im Starthaus und den Miller danach gesehen haben, um die beiden Seelen zu kennen, die unter seinem Trikot wohnten. Während Hermann Maier beim Piepsen der Zeitmessung aus dem Anzug zu platzen drohte wie eine angeritzte Blutwurst, schien Bode Miller zu meditieren, den Blick irgendwo im Dunst der Bergwelt. “Come on, Bode, hammer down!” heizte ihn sein Betreuer Baby Huey an, ein schnauzbärtiger Schrank von Mann. “Come on, Bode, kill this thing!!” Erst im letzten Moment senkte Miller den Blick, stiess sich zwei, drei, viermal ab, mit Stöcken, anderthalb mal so lang wie normal. Aus dem Betbruder wurde ein Berserker. Während der nächsten ein bis zwei Minuten vollbrachte er Dinge, die Isaac Newton so nicht vorgesehen hatte. Bernhard Russi sagte dann jeweils nur: „Bodi chad das.“ Bode kann das.

Miller war ein Hasardeur, sowohl auf wie auch abseits der Rennpisten. Immer wieder war man versucht, sein Verhalten als cleveres Selbstmarketing zu deuten, immer wieder wurde man belehrt – so viel Ärger handelt sich niemand freiwillig ein, nicht mal Bode Miller. 2005 forderte er allen Ernstes die Legalisierung von Epo, eines Ausdauer-Dopingmittels. Er gab freimütig zu, durchaus hin und wieder betrunken an den Start zu gehen – „das macht dich schneller“, erklärte er. 2007 ging er vor Gericht, um eine Geschwindigkeitsbusse anzufechten. Es gehe ihm nicht um das Geld, nur darum, diesen einen Polizisten „zu bekämpfen“, der ihn und seine Jungs in Franconia, New Hampshire, schikaniere. Zwei Jahre später wurde dieser Polizist von Millers Cousin Liko Kenney erschossen.

Autoritäten und Miller – schwierig. Als ihn der amerikanische Skiverband an gewisse Regeln erinnerte, gründete er kurzerhand sein eigenes Team namens «Bode Team America» (nach zwei Jahren, vielleicht wurde es ihm zu teuer, kehrte er reumütig zurück). Als es 2006 auf die Olympischen Spiele in Turin zuging und die Skiwelt glaubte, Miller könne gleich fünf mal Gold holen, tingelte er stattdessen durch die Après-Ski-Bars – und ging Abend für Abend mit Mädchen, aber ohne Medaille heim. Für die Teilnahme an den nächsten Spielen, 2010 in Vancouver, entschied er sich erst im letzten Moment, praktisch ohne Training und zu einem Zeitpunkt, da sich seine Serviceleute bereits nach einem anderen Arbeitgeber umschauten. Miller holte Bronze, Silber und Gold, einen kompletten Medaillensatz.

Eine Reihe von Saisons beendete er vorzeitig, ohne Angabe von Gründen. Er fuhr nach San Diego, zu seinem Hausboot, und liess es sich darauf gut gehen, während die Kollegen im kalten Europa verbissen um Weltcupkugeln kämpften. Miller wurde zum zweiten Mal Vater, heiratete, kaufte sich Rennpferde und focht um Sorgerechte. Was er im Hinblick auf seinen Beruf vorhatte, wusste niemand, nicht mal die Trainer. Läppische sechs Trainingstage auf Schnee hatte er in den Beinen, als er sich im Oktober 2013 zum Weltcupstart bequemte. Sechs Wochen später – in Beaver Creek – stand er wieder zuoberst auf dem Podest. Was ihm nicht gelang, das waren die Siege, die er sich tatsächlich vornahm: in Kitzbühel und in Rosa Khutor (Sotschi), auf der Olympiaabfahrt 2014. Beide Rennen, die schwierigsten des Winters, dominierte er bis zur Zwischenzeit, bevor er die Hoffnung sausen liess – völlig entkräftet von seinem Fahrstil.

Miller hätte einsehen müssen, dass Genialität kein Ersatz für Fleiss ist, aber Einsicht war seine Sache nicht. Im Gegenteil: Je weniger ihm gelang, desto mehr riskierte er. Je mehr er abgeschrieben wurde, desto vollmundiger trat er auf. Etwa, als der Weltverband FIS eine Änderung bei den Riesenslalom-Ski beschloss, die länger und schmaler werden sollten, um Knieverletzungen vorzubeugen. «Ein Witz», meinte Miller, der mit diesen Ski besser Riesenslalom fuhr als zuvor. «Wenn jeder Fan ein Gerät kaufen kann, das schneller ist als meines – dann ist das nicht mehr das, was ich will.» Oder bei besagter Abfahrt in Sotschi, die unter Bernhard Russis Anleitung in die Wildnis gefräst worden war, und die wie gemacht war für ihn, eigentlich. «Ein epischer Super-G», raunzte Miller, «aber eine Abfahrt ist das nicht.» Und überhaupt: «So nimmt man dem Sport das Herz.» Was er bemängelte, war nicht die Piste selbst, sondern die enge, auf Tempokontrolle bedachte, ihn einschränkende Kurssetzung. Miller trauerte einer Zeit nach, als Abfahrten noch Lehrstücke in Sachen Risikomanagement waren. «Heute fahren alle gleich, und keiner stürzt mehr, langweilig.» Und: «Es ist nicht der Kurs, der zu schnell ist. Wenn’s zu schnell wird, dann musst du halt bremsen. Dann bist du es, der dem Berg nicht gewachsen ist.»

Manche fanden, Miller sei ein Nörgler, ein Querulant, ein Maverick, dem die antiautoritäre Erziehung im Wald nicht gut bekommen ist. Andere fanden, er sei ein Philosoph, ein Philanthrop gar, der nur das Beste für seinen Sport will, visionär. Klar ist, dass es immer zu einfach war, seine Provokationen bloss als solche, als Unbedachtheiten abzutun. Gut möglich, dass sein Doping-Kommentar auch ein Wink in Richtung Wahrheit war: Manche seiner Kolleginnen und Kollegen vertrauten auf frühere DDR-Ärzte, wollten von Anabolika noch nie etwas gehört haben, oder liefen plötzlich mit Zahnspange rum, angeblich wegen der Rückenbelastung. Miller war die Heuchelei zuwider.

Seine Kritik an gezähmten Abfahrtsstrecken zielte in dieselbe Richtung: Was macht diese Sportart zum Spektakel, wenn nicht das Sturzrisiko? Was ist ihr Wesen, wenn nicht die Devise: Hier ist der Berg, dort ist das Tal – wer zuerst unten ist, der hat gewonnen? Die schmaleren Riesenslalomskis, die Miller eine „Fehlentwicklung“ nannte: Sie sind vielleicht sicherer (vielleicht auch nicht), doch sie tragen auf jeden Fall dazu bei, dass sich der alpine Skisport zweiteilt: Hier die Slalomspezialisten, die mit ultrakurzen Carvern fahren, dort die Riesenslalom- und Speedfahrer, die jede Kurve andriften müssen. Allrounder wie Bode Miller, die alles können, gibt es kaum noch. Ist das wirklich gut für den Sport?

Es wäre interessant gewesen – höchst spektakulär wahrscheinlich – wie Miller sich in diesen Tagen, in diesem Winter geschlagen hätte, an diesem Wochenende in Lake Louise, und vor allem am nächsten in Beaver Creek, auf den Abfahrten, die Hannes Trinkl, der neue Renndirektor, ausflaggt. Sie sind wieder mehr nach Millers Geschmack, und darauf, so hatten die Fans gehofft, könnte er, wenn er wollte, durchaus was reissen. Allein, Bode Miller will nicht mehr. Also bleibt uns nichts, als noch mal auf YouTube „Miller + Beaver Creek“ einzutippen: Nach seinem Sturz rappelt er sich auf, krümmt sich, winkt beschwichtigend mit der Hand, besteht darauf, ins Ziel zu fahren, erklärt sich dort seiner zitternden Frau, während hinter ihm die Kameras auf seine Kniekehle zoomen: zehn Zentimeter offenes Fleisch, durchtrennte Oberschenkel-Sehne. Miller wird verbunden, humpelt davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Kann sich der genialste Skifahrer seiner Zeit wirklich so verabschieden? Ja, leider, Bodi chad das.

Share on FacebookTweet about this on TwitterEmail this to someoneShare on Google+Pin on Pinterest
28.11.2015 | Niko Stoifberg
Kategorien: Essays | Schlagwörter: , ,