Was jetzt? Der Newsletter

Das sind die Tips, Empfehlungen und Caveats, die ich mit meinem monatlichen Newsletter verschicke. Der sich hier abonnieren lässt!

 

Februar 2026

Mediengutscheine verteilen — Am 8. März stimmen wir in der Schweiz darüber ab, ob wir das Budget der SRG (öffentliches Radio- und Fernsehen) um die Hälfte kürzen wollen. Ich persönlich wäre dafür, dass wir mehr Geld für Medien ausgeben. Allzu gut informiert sind wir nämlich nicht — wer’s testen will, soll beim nächsten Familienfest mal nach der Situation im Südsudan fragen oder nach der Funktionsweise einer Autobatterie. Aufklärung tut not, an allen Ecken und Enden, und irgendjemand muss sie bezahlen.

Mein Vorschlag wäre, dass wir das gemeinsam tun, mit einer einfachen Mediensteuer. Im Gegenzug bekämen wir alle vom Staat Mediengutscheine in der Höhe von, sagen wir, 500 oder gerne auch 1000 Franken. Die könnten wir nicht nur bei der SRG einlösen, sondern bei jedem Sender, jeder Zeitung, jeder Website, die uns gefällt.

Natürlich müssten die Medien, um sich aus diesem Topf zu bedienen, einige Auflagen erfüllen. Sie müssten zum Beispiel im Land produzieren, über Politik berichten oder mehrsprachig informieren. Aus dem Topf bekämen sie dann genau so viel, wie ihnen gemäss Nachfrage zusteht. Wie das Geld verteilt wird, entscheiden in diesem Modell also die Bürgerinnen und Bürger. Viel demokratischer geht nicht, oder?

Nicht fliegen — «In search of the good stuff» war ein Newsletter überschrieben, den ich neulich vom schwedischen Outdoor-Kleiderproduzenten Stellar Equipment bekommen habe. Ich mag die Marke Stellar eigentlich — nicht zuletzt wegen Aktionen wie dem «White Friday», ihrem Gegenstück zum Black Friday, an dem sie 20 Prozent ihrer Einnahmen für eine gute Sache spenden.

Umso mehr hat mich der Good-stuff-Newsletter genervt. Für ihr neustes Fotoshooting sind die Schneefreunde von Stellar nach Las Cuevas/Argentinien geflogen, und zweifellos war das dann auch good stuff, was sie am Fuss der Anden gefunden haben. Was sie aber nicht erwähnen, ist, dass sie auf dem Weg dorthin jede Menge bad stuff in die Luft gepustet haben. Bad stuff, der ausgerechnet dafür sorgt, dass der good stuff immer weniger wird. Das ist schizophren, liebe Schweden. Oder, krasser ausgedrückt, ein bisschen so, wie wenn ein Mörder während seiner Tat Fotos seines Opfers macht.

Fliegen — vor allem, wenn es komplett unnötig ist und nicht mal CO₂-kompensiert wird — gehört 2026 zu den Dingen, die eigentlich gar nicht mehr gehen. Dinge, von denen man ganz genau weiss, dass sie schlecht sind, tut man einfach nicht. (Im Bild, übrigens, nicht Las Cuevas, sondern Åre, der Heimatort von Stellar.)

Langweilig leben — Wer nicht in die Ferne fliegt, verpasst vielleicht das eine oder andere Abenteuer. (Wobei ich mir nicht so sicher bin, ob ein Strandurlaub auf Mauritius wirklich aufregender ist als Wanderferien im Maderanertal, oder ein Wochenendtrip nach New York wirklich horizonterweiternder als einer ins jurassische Noiraigue.)

Mir persönlich ist das Leben ohnehin aufregend genug – zu aufregend, wenn ich ehrlich bin. Ich sehne mich nach Langeweile. Die hat nämlich neben der entspannenden Wirkung noch einen Vorteil: Wenn um uns rum nicht viel passiert, sind wir gezwungen, uns selbst zu unterhalten. Mit Einfällen, Gedankenblitzen, Fantasien, kühnen Gedanken. Wer sich ständig berieseln oder berauschen lässt, wird davon nicht besonders viele haben.

Was können wir von Immanuel Kant lernen, der jeden Tag zur selben Zeit den immergleichen Spaziergang machte? Unter anderem vielleicht dies: Je langweiliger du lebst, desto interessanter wirst du selbst — notgedrungen.

 

Januar 2026

Wasser zum Wein trinken — Es soll Leute gegeben haben, die Wasser in Wein verwandeln konnten. Das ist natürlich ein prima Partytrick, aber gesundheitlich kaum empfehlenswert. Wer kontinuierlichen Genuss dem sporadischen Rauschtrinken vorzieht, hält sich meiner Erfahrung nach mit Vorteil an diese einfache Regel: Zu jedem Glas Wein (oder Bier, oder Schnaps) wird mindestens ein Glas Wasser getrunken. Anfänger müssen beim Nachschenken kurz dran denken, zuvor beide Gläser zu leeren, aber nach ein paar fröhlichen Übungsstunden pendelt sich das Paralleltrinken automatisch ein.

Die Vorteile für den Organismus: Er hat weniger Alkohol zu verarbeiten, weil dafür neben dem Wasser weniger Platz in der Blase bleibt. Und zweitens dauert die Verarbeitung länger, was den Anstieg des Alkoholspiegels drosselt. So deutlich, dass sich die Regel bis in die frühen Morgenstunden durchhalten lässt.

Neues Terrain, bzw. Terroir entdecken — Für den zweiten Tipp, der eigentlich eine Reihe von Tipps beinhaltet, bleiben wir gleich beim Thema. Es gibt zwar kaum noch Menschen, die den obengenannten Partytrick draufhaben, dafür immer mehr, die sich zu einem «Dry January» verpflichten, einem Jahresanfang ohne Alkohol. Das sei ihnen erlaubt – sie sind erwachsen –, aber mich spricht die Idee nicht an, aus zwei Gründen:

Erstens bringen Kurzfristdiäten erwiesenermassen meist kaum etwas, und zweitens verpasst man damit einfach zu viel. Es ist nun mal so, dass die interessantesten Flüssigkeiten auf dem Planeten eine Gärung hinter sich haben – bei diesem wundersamen Prozess passieren Dinge, die sich in einer Aromenvielfalt niederschlagen, die jeden simplen Saft langweilig wirken lässt. Imitierbar ist diese Komplexität nicht, und wer dem Getränk nach der Gärung den Alkohol gewaltsam wieder entzieht (Stichwort alkoholfreies Bier) macht in den allermeisten Fällen alles wieder kaputt.

Also doch Alkohol, auch 2026. Im Folgenden 12 unvergleichliche Produkte der Kelter-, Brau- und Brennkunst, die kaum jemand kennt, die entsprechend vernünftig bepreist sind und die vor allem zeigen, welche verblüffende Vielfalt die Welt jenen bietet, die ihr mit offenem Mund begegnen:

  1. Durello. Der straff-säuerliche Schaumwein aus den Monti Lessini (Veneto) ist der Apéritif der Wahl für alle, die schon alles zu kennen glauben, was schäumt.
  1. Zwickel. Frischbier vom Zwickelhahn, der ursprünglich zum Probieren diente. Ungefiltert und damit auch ernährungsphysiologisch wertvoller als die Normalvariante.
  1. Sauerbier. Mit wilden Hefen vergoren, wie es vor ein paar hundert Jahren üblich war. Ungleich interessanter als das Allermeiste, was ansonsten in Bierflaschen gefüllt wird.
  1. Petit Manseng. Eine Rebsorte aus Südwestfrankreich, die mit ihrer superfrischen Fruchtigkeit den idealtypischen Sommerwein ergibt.
  1. Heida alias Paiën alias Savagnin. Eine weitere wertvolle Weissweinsorte, die im Wallis, in der Westschweiz und im Jura den Chasselas ersetzen könnte, nein, müsste, den sie in Sachen Qualität ungefähr ums Hundertfache übertrifft.
  1. Bobal. Eine der ganz wenigen Trauben, die mit der Hitze Zentralspaniens fertig werden, an die sie sich seit Ewigkeiten gewöhnt hat. Bei aller Kraft oft verblüffend frisch und elegant.
  1. Baga. Portugiesisches Pendant zu Bobal, zu Hause in der Region Bairrada. Mein Lieblingswein der ganzen iberischen Halbinsel.
  1. Trollinger. Okay, nicht gerade unbekannt, aber aufgrund seiner Leichtigkeit und liebloser Massenproduktion arg in Verruf geraten. Identisch mit dem Südtiroler Vernatsch und, wie dieser, bei sorgfältiger Machart unwiderstehlich süffig.
  1. Teran/Terrano. Slowenisch-italienischer Rotwein aus dem Karstgebiet nördlich von Triest. Tiefdunkel, aber alles andere als plump, vielmehr herrlich fruchtig und mineralisch.
  1. Vernaccia di Oristano. Sardiniens vergessener Meditationswein. Oxydativ ausgebaut, unvergleichlich komplex.
  1. Jurançon. Süsswein (aus Manseng!) vom Fuss der Pyrenäen. Heinrich IV. soll als Säugling damit eingerieben worden sein; er wird gegluckst haben vor Freude.
  1. Vogelbeerbrand aus dem Tirol. Zuckerfrei und damit auch nach dem Zähneputzen zu geniessen; der Abgang hält bis zum nächsten Morgen.

 

Dezember 2025

Dinge ersetzen — Diese Regel habe ich mir gesetzt, nachdem ich vor ein paar Jahren mal ein ganzes Jahr lang überhaupt nichts gekauft habe (aus den Gründen, die ich in diesem TED-Talk beschrieb). Etwas Neues kaufe ich seither nur noch, wenn etwas Altes entweder irreparabel kaputt oder aufgebraucht ist. So wie der Schuh links im Bild, dessen Löcher und Risse nach einem Jahrzehnt und dreimaliger Neu-Besohlung nicht mehr wasserdicht zu flicken waren.

Nicht aufgeben — Keineswegs unwiederbringlich verloren ist das Land der Ukraine – zumindest, wenn wir es nicht verloren geben wollen. Letzte Woche hat mich zu diesem Thema die Schweizer Zeitung NZZ irritiert. Zwar vertritt dort der Redakteur und Oberst der Schweizer Armee Georg Häsler mit bewundernswerter Standfestigkeit die Sache Ukraine. Gleichzeitig scheint aber Chefredakteur Eric Gujer diese Standfestigkeit zunehmend zu verlieren.

Während Häsler schreibt, dass ein Frieden im Sinne Moskaus «Unterwerfung» wäre, schreibt sein Chef, dass der Plan von Donald Trump – vorformuliert von Moskau – ein willkommener Ausweg sei und «keine Kapitulation». Während Häsler im Detail erklärt, warum ein ukrainischer Rückzug hinter den Festungsriegel im Donbass «militärisch gefährlicher» wäre «als der russischen Übermacht weiter standzuhalten», lobt sein Chef die US-Regierung dafür, mit diesem Vorschlag «aktiv Frieden zu suchen».

Was jetzt? Ist der Plan ein Ausdruck von «Realismus» (Guyer) oder eine «Kapitulationsurkunde» (Häsler)? Gibt es zur Abtretung der annektierten und grausam malträtierten Gebiete keine Alternative «zu einem moralisch vertretbaren Preis» (Guyer)? Oder braucht es «energische Schritte der liberalen Kräfte in allen Staaten Europas, Russland vereint gegenüberzutreten» (Häsler)? Ganz bestimmt nicht moralisch vertretbar ist es, dem Opfer einer Vergewaltigung mit den Händen auf dem Rücken zu raten, es solle doch bitte einfach aufgeben.

Ebenso wenig dürfen wir unsere Unterstützung aufgeben. Natürlich gibt es Alternativen zur bisherigen, zaghaft mickrigen, von tausend Ausflüchten begleiteten Ukraine-Politik der EU und der USA (von der neutralen, also feigen Schweiz gar nicht zu reden). Immerhin ist die Wirtschaftsleistung der EU zehnmal so gross wie jene Russlands, die der USA sogar vierzehnmal.

Der Westen habe der Ukraine in den neunziger Jahren ein Schutzversprechen gegeben, schreibt Guyer, und dieses «schmählich gebrochen». Das stimmt. Und jetzt sollen wir es noch einmal brechen?

Weihnachten erklären — Etwas Erbauliches zum Schluss: die Weihnachtszeit. Die ist wunderbar im wahrsten Sinne des Wortes – es passieren jede Menge wundersame Dinge. Zuerst kommt der Nikolaus, der früher mal Bischof war, heute aber im Wald wohnt. Oder am Nordpol? Er wird begleitet von Sklaven, die auf alten Darstellungen schwarz waren, sich später als bloss schwarz bemalt herausstellten, und die sich mittlerweile gar nicht mehr schminken, um dem Vorwurf des Blackfacings zu entgehen. Ihnen kam ursprünglich die Aufgabe zu, unartige Kinder zu verdreschen, aber weil das heute zum Glück genauso verboten ist wie die Sklaverei, bleiben sie immer öfter zu Hause. Ausser in Österreich – dort heissen sie Krampusse, sehen aus wie Teufel und sind für Schlägereien zuständig, die jedes Jahr für Dutzende von Hospitalisationen sorgen.

Dann geht die Zeit der Liebe weiter, und der Nikolaus wird abgelöst von anderen weissbärtigen Männern, die schon seit Anfang Oktober in den Supermärkten auf ihren Einsatz warten. Sie fliegen in Coca-Cola-Trucks durch den Himmel und auf Rentieren durch Kamine, sie reiten auf Eseln und tanzen mit Elfen, und sie nennen sich wahlweise Santa Claus, Father Christmas, Weihnachtsmann oder Kris Kingle. Letzterer ist nicht zu verwechseln mit dem Christkindl, das als bartloses Baby namens Jesus aus dem Schoss einer Jungfrau schlüpft, oder aber als weiblicher Engel barfüssig durch den Schnee huscht und Geschenke bringt. Oder bekommt, von drei superreichen Königen, die wohl ahnen, dass eher ein Kamel … siehe oben. Es ist jedenfalls kompliziert.

Vielleicht sollten wir die Feiertage nutzen, um etwas Kerzenlicht in diese Angelegenheiten zu bringen und den Kindern die Weihnachtswelt zu erklären, die wir extra für sie erfunden haben?

 

November 2025

Philosophisch baden — Nachdenken lässt sich theoretisch überall, aber manche Orte eignen sich dafür definitiv besser als andere. Der beste – oder zumindest angenehmste – ist meiner Erfahrung nach die Badewanne. Man steigt mit einer guten Frage ins Wasser, lässt sich von den heissen Dämpfen einlullen und wird davon schon bald so träge, dass es einem auch egal ist, wenn man keine Antwort findet. Es stellt sich Seelenfrieden ein – und wenn das nicht das höchste auf philosophischem Weg erreichbare Ziel ist, was dann?

Aufrüsten — Aus der wohligen Wärme der Badewanne in die kalte Realität. Es ist jetzt seit bald vier Jahren Krieg in Europa, und die reichen Länder des Kontinents müssen schnellstens aufrüsten – zuerst die Ukraine, dann sich selbst. Ich verstehe, dass dieser Aufruf nicht überall gut ankommt. Auch ich wäre lieber der Militärgegner geblieben, der ich mit 19 Jahren war. Aber Charles de Gaulle hatte leider recht: «In jedem Land steht eine Armee – entweder die eigene oder eine fremde.» Wer sich nicht verteidigen kann, wird überrollt.

Dazu kommt die moralische Pflicht, den Opfern eines bestialischen Angriffs zu helfen. Wie kann es sein, dass ein Land wie die Schweiz für viel Geld Waffen produziert, sie aber genau denen vorenthält, die unschuldig um ihr Leben kämpfen? Wie kann es sein, dass wir zusehen, wie bald eine Million Menschen ermordet, gefoltert, vergewaltigt und verschleppt wird, ohne dass wir Russland komplett sanktionieren, seine Unterstützer ebenso, und unser ganzes Gewicht in den Ring werfen? Debatten wie die um den deutschen Taurus, den amerikanischen Tomahawk oder um das Kriegsmaterialgesetz der Schweiz wären lächerlich, wenn sie nicht tragisch wären.

Was können wir als friedensliebende Demokraten tun? Nicht viel, aber immerhin dies: den Politikerinnen und Politikern den Rücken stärken, die in diesen Debatten auf der richtigen Seite stehen.

Podcasts hören — Einer, der ebenso klarsichtig wie empathisch auf den Ukraine-Krieg blickt, ist der deutsche Ex-General Erhard Bühler. Seine wöchentliche Analyse im MDR-Podcast «Was tun, Herr General?» ist meistens jede Minute wert. Um weniger dramatische, aber auch nicht unwichtige Themen – etwa um die Abhängigkeit von Smartphones – geht es im Podcast «Macher & Denker», in dem ich kürzlich zu Gast war, zusammen mit der Verlegerin Rachele De Caro. Wenn wir uns schon digital berieseln lassen, dann am besten übers Ohr, ohne Ablenkung links und rechts.

 

Oktober 2025

Schöner wohnen — Letzte Woche war ich wieder einmal in Venedig. Nur halb freiwillig – ich hatte gehört, dass die Touristenflut dort mittlerweile so hoch anbrandet, dass die Stadt endgültig darin zu ertrinken droht. Aber meine kleine Tochter wollte unbedingt dorthin, nachdem sie einen Krimi gelesen hatte, der an und in den Kanälen der Stadt spielt. Der Overtourism im Oktober stellte sich dann als kaum schlimmer heraus, als ich ihn aus Luzern kenne. Vor allem aber wurde mir wieder bewusst, wie unglaublich schön Venedig ist. Nicht nur rund um den Markusplatz und die Rialtobrücke, sondern selbst dort, wo tatsächlich noch Menschen für mehr als ein paar Tage wohnen. Es ist die schönste Stadt der Welt. Zweifellos.

Eine lange Analyse ist nicht nötig, um rauszufinden, woran das liegt. Die Häuser in jedem einzelnen Quartier sind zu 90 Prozent aus denselben Materialen gebaut, und zu 90 Prozent im selben Stil. Innerhalb dieser Gemeinsamkeiten gibt es durchaus lebendige Diversität – auf der Insel Burano beispielsweise (im Bild) darf kein Haus die Farbe des Nachbarhauses haben. Aber es sind Spielarten einer gemeinsamen Identität, Interpretationen eines engen Regelwerks. Die einzelnen Häuser sind wegen dieser Einschränkungen nicht weniger sehenswert, im Gegenteil. Unterschiede werden erst dann interessant, wenn sie aus ähnlichen Voraussetzungen entstehen. Mehr noch: die individuellen Bauten sind gerade wegen dieser Einschränkungen als Ensemble spektakulär.

«Limitation is the first law of art», sagte der Architekt Frank Lloyd Wright. Wenn das nur überall verstanden würde! Natürlich gibt andere Beispiele für spektakuläre Ensembles als Venedig: das kroatische Dubrovnik etwa, das englische Dorf Bibury, oder die Walliser Siedlung Blatten, die diesen Frühling unter einem Erdrutsch begraben wurde. Vielleicht kann man auch Hamburgs neu entstandene Hafencity dazu zählen. An den allermeisten Orten aber wird heute genau gegenteilig gebaut: ohne gemeinsames Verständnis, ohne jegliche Vision – und ohne Regeln ausser der, dass es möglichst günstig und schnell gehen muss.

Schuld daran sind natürlich die Architekten, die Städteplanerinnen und Politiker, die Grossinvestoren und Erbinnen. Aber auch, und vor allem, wir selbst. Wenn wir uns darum bemühen, «schöner zu wohnen», sollten wir uns nicht auf Interieurs beschränken, sondern auch in Betracht ziehen, wie das Haus, in dem wir wohnen, für andere aussieht. Interieurs werden von einer Handvoll Leuten gesehen. Exterieurs von Millionen.

Längst nicht jede und jeder kann sich eine Wohnung nach ästhetischen Grundsätzen aussuchen. Aber in reichen Ländern wie der Schweiz – die in Sachen Bausünden absurderweise weltweit an der Spitze steht (warum, erklärt der Architektur-Kritiker Benedikt Loderer in seinem grandios sarkastischen Buch Die Landesverteidigung) –  können das mehr Leute als irgendwo. Es ist Zeit, dass wir unser eigenes Quartier mit denselben Augen betrachten wie unsere Feriendestinationen.

Nichts tun — Der südkoreanische Punkmusiker Byung-jin Park ist Meister im Nichtstun. Er hat in Seoul einen Wettbewerb gewonnen, bei dem es darum ging, 90 Minuten regungslos dazusitzen, bei möglichst tiefer Herzfrequenz. Das ist das ultimative Kontrastprogramm zu unserem heutigen Alltag, in dem wir im Sekundentakt irgendwelchen (oft digitalen) Ablenkungen folgen. Dazu werden wir von Algorithmen und Zuckerbergen verführt, aber nicht nur. Wir lenken uns vor allem auch selber ab, wie die mittlerweile verstorbene Dichterin Mary Oliver schon vor einigen Jahren festgestellt hat. Wir halten es schlicht nicht mehr aus mit uns selbst. Bei jeder noch so kurzen Wartezeit zücken wir reflexartig das Telefon, bei jedem leisen Anfall von Ärger suchen wir sofort Trost am Kühlschrank.

Nichts tun ist das probate Mittel gegen die zermürbende Zerstreuung. Zwar schaffe ich es noch längst keine 90 Minuten, aber ich habe mir erfolgreich angewöhnt, nichts zu tun (auch kein Telefon zu zücken!), ohne vorher bewusst entschieden zu haben, was genau ich als Nächstes tun will. Zwischen allen noch so kleinen Tätigkeiten entsteht so eine kurze Pause – manchmal ein paar Sekunden, manchmal Minuten – in der immerhin bestimmt nichts passiert, das ich später als vergeudete Zeit bereue. Ich kann diese Denkpausen nur empfehlen.

Ausgehen — Weil man nicht immer nichts tun kann, hier noch ein dritter Tipp: Ausgehen, sich mit anderen Leuten treffen. Klingt banal, ist aber längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Denn gezwungen dazu sind wir immer seltener: Arbeiten können viele von uns im Home-Office, und wenn wir abends erst mal auf YouTube oder Netflix sind, treffen wir dort, ohne einen Schritt auf sie zuzugehen, Menschen, die zumindest auf den ersten Blick deutlich interessanter sind als die, die wir auf einen Kaffee oder ein Bier treffen könnten. Gehen wir dann trotzdem mal aus, ist es immer dasselbe: Wir kommen deutlich glücklicher zurück, als wir es in der gleichen Zeit zu Hause auf dem Sofa geworden wären. Noch gibt es kein Medium und keine Chatbots, die uns zuprosten und es auch wirklich ernst meinen.

Ausgehen also, nicht nur am Wochenende! Für die unter euch, die in meiner Nähe leben, bietet sich diese Woche eine Gelegenheit dazu: Am Donnerstag, 9. Oktober findet um 19:30 meine Buchpremiere statt, im Hotel Beau Séjour in Luzern. Ich würde mich sehr freuen, ein paar von euch dort zu sehen.

 

September 2025

Unser Bestes geben — Moderne Menschen (die meisten von uns) leiden daran, dass sie sich selbst nie genügen. Während früher sehr klar war, was zu tun war (Mammut jagen/Beeren sammeln), und ebenso klar, was Erfolg bedeutete (Mammut erlegt/Beeren gefunden), ist heute alles viel komplizierter. Es gibt tausend Dinge, die wir auch noch tun könnten. Und bei allem und jedem, das wir tun, gibt es tausend andere Menschen, die genau das viel besser tun als wir. Früher wussten wir nichts von diesen anderen Menschen und Möglichkeiten. Heute sind sie omnipräsent und treiben uns zunehmend in den Wahnsinn.

In dieser vor Optimierungsmöglichkeiten strotzenden Gegenwart lohnt es sich, sich Eines vor Augen zu halten: Wir können nicht mehr tun, als unser Bestes geben. Niemand kann mehr als sein Bestes geben. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wer sein Bestes gibt, hat den maximal möglichen Erfolg erzielt — unabhängig davon, was dabei rauskommt. Wer sich also bei jeder Herausforderung kurz etwas Zeit nimmt und sich fragt: Was ist das Beste, das ich tun kann? Was liegt in meinen Möglichkeiten? Und wer dann dieses Bestmögliche nach bestem Wissen und Gewissen in die Tat umsetzt — der oder die hat allen Grund, stolz auf und zufrieden mit sich zu sein. Niemand wird es jemals schaffen, mehr als das Maximum aus sich rauszuholen, also haben wir, wenn uns das gelingt, gleich viel geleistet wie irgendjemand. Mikaela Shiffrin, Mutter Teresa und der gute Typ im Bild inklusive. Mehr liegt schlicht nicht drin, und es wäre absurd, mehr von sich zu verlangen. Wir müssen nicht die Besten sein. Nur die Bestmöglichen.

Nüsse essen — Und damit zur bestmöglichen Zwischenmahlzeit, die es gibt – jetzt im Herbst sowieso. Die Versuchung, zwischen zwei Aufgaben (oder gerne auch während einer Aufgabe) schnell zu einem Beutel zu greifen, zu einer Packung, einer Dose, oder sogar einen Blick in den Kühlschrank zu werfen – diese Versuchung ist gross. Ihr kennt sie. Je mühsamer das, was wir grade tun, desto grösser die Lust auf Ablenkung, und nach jedem kleinen Schritt: auf Belohnung.

Blöd nur, dass das Zwischendurchfuttern nachweislich ungesund ist. Jeder Snack jagt den Blutzucker hoch, lässt die Leber verfetten und fördert Entzündungen. Jeder Snack? Fast jeder – ausser Nüssen. Nüsse enthalten kaum Zucker, bringen die Glykämie also nicht durcheinander. Nahrhaft sind sie dank Eiweiss und Ölen trotzdem, und schmackhaft sowieso. Deshalb gönn ich mir seit einiger Zeit nach jedem kleinen Arbeitsschritt – und seien es nur ein paar Zeilen Text – eine Nuss. Eine einzige, wohlverstanden. Das wirkt sich nebenbei ganz günstig auf die Produktivität aus, denn Nüsse machen durchaus süchtig – nur eben nicht krank.

«Abglanz» jetzt vorbestellen — Jede Menge Nüsse habe ich während dem Schreiben meines zweiten Romans gefuttert. Er heisst «Abglanz» und erscheint am 23. September. Es geht um Identität und Eifersucht, um Kunst, Karriere und einen Kinderwunsch sowie um das Verhältnis zwischen Ost und West. Die Anti-Heldin des Romans, Selin Zwingli, arbeitet als Grafikerin, während sie auf einen Durchbruch als Künstlerin hofft. Vergeblich – wie auch auf die erwünschte Schwangerschaft. Als ihr aber die beeindruckenden Bilder einer unbekannten tibetischen Künstlerin namens Nima in die Hand fallen, reif in Selin ein Plan. Sie gibt sich als Nima aus, beginnt Bilder in ihrem Stil zu malen – und wird prompt als Sensation gefeiert. Auch privat scheinen sich ihre Träume zu erfüllen. Doch dann meldet sich die wahre Urheberin, und Selins auf Lügen gebaute Zukunft gerät ins Schwanken …

Lest selber! Ihr könnt das Buch in eurer Lieblingsbuchhandlung oder hier schon jetzt vorbestellen. Hier gibt es ein Interview dazu. Und am 9. Oktober findet die offizielle Vernissage statt, im Hotel Beau Séjour in Luzern. Kommt vorbei – das würde mich sehr freuen.

 

August 2025

Heidelbeeren einkochen — Die Heidelbeere ist die Königin der Beeren. Kaum zufällig trägt sie eine Krone (siehe Bild)! Keine andere Sommerbeere ist so klein, aber auch keine andere so oho. Zu ihrer hochgezüchteten Nachfahrin, der im Supermarkt erhältlichen Blaubeere, verhält sie sich ungefähr gleich wie Joni Mitchell zu Britney Spears. Nichts wie auf zum Heidelbeerensammeln also, bevor es schon wieder zu spät ist. Allerdings haben Gourmets beim Durchstreifen der niederen Heidelbeerbüsche nicht nur mit Zecken zu rechnen (dringende Empfehlung: FSME-Impfung), sondern auch mit dem immer weiter verbreiteten Fuchsbandwurm. Deshalb: Die gesammelten Beeren nicht direkt in den Mund stecken (so stark die Verlockung auch ist), vor dem Essen unbedingt gründlich waschen, oder – besser noch – einkochen. Das hat nicht nur gesundheitliche Vorteile, sondern auch geschmackliche: Die Hitze der Pfanne bringt das blaue Blut der kleinen Beeren erst recht in Wallung und potenziert ihr wunderbares Aroma geradezu ins Elysische. Mmhh. Mmmhhhh. Mmmmmmmhhhhh!

Liegestütze machen — Wenn ihr regelmässig Sport macht, kennt ihr das: Man hat einen schlechten Tag hinter sich, geht mit übler Laune auf die Joggingstrecke, in den Pool, zum Fussball oder was auch immer … und kommt mit einem Grinsen auf dem Gesicht zurück. Offenbar werden bei körperlicher Anstrengung Hormone ausgeschüttet, die unsere Stimmung markant heben können. Ich habe mich gefragt, ob das auch im Kleinen funktioniert. Also habe ich mich ein paar Wochen lang jedes Mal, wenn ich mich über irgendetwas aufregte, gestresst oder sonstwie übellaunig war, auf den Boden gelegt und Liegestütze gemacht. Nur kurz, aber so viele, wie ich konnte, also genug, um ausser Atem zu kommen (und mehr als eine Minute geht eh kaum). Der Effekt … war derselbe! Vielleicht war er nicht so stark wie nach einer mehrtägigen Bergtour, aber immerhin stark genug, um meine Stimmung wieder in die richtigen, ruhigen Bahnen zu lenken. Probiert’s aus! Schaden kann’s auf keinen Fall — selbst wenn die Wirkung nur kurz anhält und ihr ständig Liegestütze machen müsst, seht ihr nach einiger Zeit immerhin so aus wie dieser Athlet aus Asterix bei den Olympischen Spielen.

Gutenachtfragen beantworten — Noch eine andere Möglichkeit, um zur Ruhe zu kommen. Nicht tagsüber, sondern abends. Wenn ich als Bub nicht einschlafen konnte, stellte ich mir eine interessante Frage – etwas, über das ich nachdenken konnte, bis ich eine zufriedenstellende Antwort fand oder – häufiger – endlich doch wegschlummerte. Viele dieser Fragen blieben mir über die Jahre im Kopf. Auf einige hab ich bis heute keine Antwort, und es kommen laufend neue dazu. Seit dieser Woche poste ich sie jeden Abend hier auf meiner Website und als Videos auf YouTube. Vielleicht findet ihr darauf gute Antworten? Falls ja, postet sie gerne dort als Kommentar. Und falls nicht, dann hoffe ich, dass sie euch immerhin beim Einschlafen helfen.

 

Juli 2025

Demonstrieren — Ich bin noch nie bei einer Demonstration mitgelaufen. Nicht, weil ich die Anliegen der Demonstrierenden nicht teile – das tue ich ziemlich oft – sondern weil ich kein Bedürfnis verspüre, für etwas auf die Strasse zu gehen, über das ich an der Urne abstimmen kann. In einer Demokratie, insbesondere in einer direkten wie jener der Schweiz, werden wir immer wieder dazu befragt, wie unser Staat organisiert sein soll, welche Rechte und Pflichten wir haben und worin wir unser Staatsgeld investieren. Wenn uns eine Änderung des Status quo wichtig scheint, können wir jederzeit Unterschriften dafür sammeln und sie zur Abstimmung bringen. Es passiert nichts (und wird nichts unterlassen), ohne dass es eine Mehrheit will. Öffentliche Demonstrationen – vor meinem Balkon in Luzern zieht gefühlt jede zweite Woche eine vorbei – erscheinen mir deshalb oft sympathisch, aber gleichzeitig auch unnötig. Ich lese oder schreibe lieber einen Meinungsartikel, als eine Parole zu skandieren.

Es gibt allerdings eine Ausnahme – eine besondere Situation, in der es selbst in einer Demokratie dringend nötig wird, zu demonstrieren: wenn die Demokratie selbst in Gefahr ist. Das war neulich und ist immer noch in den USA der Fall. Deren Präsident und Möchtegern-König Donald Trump versucht dem Parlament die Budgethoheit wegzunehmen, er drangsaliert unliebsame Unternehmen, Institutionen und Gliedstaaten, und er lässt willkürlich verhaften, wer sich gegen ihn aufzulehnen wagt. Damit tritt er den Rechtsstaat und die Gewaltenteilung, die für dessen Funktionieren die Grundlage ist, mit Füssen. Gegen ein solches Szenario – das ich bis vor Kurzem in den USA für unmöglich gehalten hätte, und das ich hier hoffentlich nie erleben muss – helfen schreibende Hände allein nicht mehr. Es braucht Füsse, die auf die Strasse gehen.

E-Mails blind öffnen — Von der grossen Politik zu kleinen Alltagssorgen. Habt ihr auch Angst vor E-Mails? Oft genügt ein Blick auf den Absender oder die Betreffzeile, und ich weiss: Das ist eine Einladung, die ich auf gar keinen Fall annehmen will, aber auch auf gar keinen Fall ablehnen kann. Oder: Diese Anfrage wird mich locker eine Woche ungeplante Arbeit kosten. Oder: Shit, was? Dieser Termin ist schon morgen? Wenn solche E-Mails am Horizont auftauchen – konkret: am oberen Ende der Outlook-Timeline – treiben sie mir nicht selten den Schweiss auf die Stirn.

Haben sie getrieben, denn seit Neustem verfolge ich eine Taktik, die dem guten, alten Briefe-Öffnen entlehnt ist und die unnötigen Stress vermeidet. Ich schiebe das E-Mail-Fenster so weit an den linken Bildschirmrand (siehe Bild), dass ich nur noch die Empfangszeiten sehe – keinen Absender und keinen Betreff. Ich sehe immer nur die aktuell angeklickte E-Mail. Wie beim Öffnen eines Stapels Briefe weiss ich erst, worum es darin geht, wenn ich genau diese bestimmte Mail öffne. Erst dann kann sie mich, wenn es denn sein muss, stressen, belasten, ablenken oder empören. Die Zeit des Leidens beschränkt sich auf das unvermeidliche Minimum.

«Challenge Accepted!» abonnieren — Eine E-Mail, auf die ich mich jedes Mal freue, obwohl sie keine leichten Themen behandelt, ist der Newsletter «Challenge Accepted!» der Zeitung Republik. Mindestens zweiwöchentlich verbreitet er konkrete Ideen dafür, wie wir «aus der Klimakrise wieder rauskommen». Die ETH-Forscherin Ulrike Lohmann erläutert zum Beispiel, wieso es sich lohnen könnte, Meersalz in die Atmosphäre zu sprühen, um damit neue Wolken zu schaffen, die wiederum Sonnenlicht reflektieren und so die Erde kühlen. Etwa so wie der philippinische Vulkan Pinatubo: Nach dessen Ausbruch 1991 (im Bild) war es für ein Jahr lang knapp ein halbes Grad kühler auf der Welt.

 

Juni 2025

Ins kalte Wasser springen — Das funktioniert natürlich sehr wörtlich (der Vierwaldstättersee, wo ich dies schreibe, hat momentan frische 17 Grad), aber auch im übertragenen Sinn. Und zwar bei Dingen, die man immer wieder aufschiebt, und die sich dann umso bedrohlicher auftürmen: Papierkram, Projektplanung, Putzarbeiten. Wer sich auf unangenehme Aufgaben stürzt – sofort und ohne Überlegung – spart sich die lange Zeit des «Vorleidens» (quasi das Gegenteil von Vorfreude), die uns beim Prokrastinieren quält. Vor allem aber ist der Effekt derselbe wie bei einem Sprung ins kalte Wasser: Einmal drin, fängt man wild zu rudern an und kommt entsprechend schnell voran. Alles halb so schlimm, merken Körper und Hirn, und ehe man sich’s versieht, ist die Sache bereits erledigt und in trockenen Tüchern.

Persönlich sanktionieren — Überwindung kostet es uns offenbar auch, mit Kriegsverbrechern angemessen umzugehen. Während ich diesen Newsletter tippe, ringen die Staatschefs westlicher Nationen um die dringend nötige Verschärfung der Sanktionen gegen Russland und der Länder, die Russlands Krieg finanzieren. Wer nicht darauf warten mag, was auf politischer Ebene passiert (oder nicht), kann schon mal vorangehen und die Unternehmen, die mit Russland weiterhin Geschäfte machen persönlich sanktionieren: Sie stehen auf dieser skandalösen Liste. In einigen Fällen (Adobe, AstraZeneca) ist der Verzicht auf ihre Produkte gar nicht so einfach. In anderen aber schon. Gegen Schuhe von Geox zum Beispiel spricht ja nicht nur das moralische Empfinden, sondern auch – siehe Bild.

Schilcher trinken — Zurück zu rosigeren Aussichten. Mit den steigenden Temperaturen steigt auch die Lust auf frischfruchtigen Wein. Wenn er dazu noch hübsch aussieht – perfekt. Leider halten die allermeisten Rosés nicht annähernd, was ihre Farbe verspricht. Das liegt zum Teil an ihrer Machart: Verwendet werden riesige Mengen minderwertigen Traubenguts, und der Traubensaft bleibt nur kurz in Kontakt mit den aromatischen Traubenschalen. Das Resultat ist banale Plörre. Zwei Ausnahmen kenne ich: Lambrusco di Sorbara, einen Frizzante/Spumante aus der Emilia, dessen Trauben von Natur aus heller sind als die anderen Lambrusco-Varianten. Und den Schilcher aus der Steiermark – ein wahres Rumpelstilzchen von Wein, dessen Traubensorte Blauer Wildbacher vermutlich direkt von Wildreben abstammt. Entsprechend gebärdet sich der Schilcher: Seine Säure ist so prägnant, dass er auch «Hemdenspreizer» genannt wird und ihn Papst Pius VI. als «rosaroten Essig» bezeichnet haben soll. Wer einmal an einem heissen Tag einen guten Schilcher im Mund gehabt hat (zum Beispiel den von Peter Skoff, im Bild), versteht das durchaus als Kompliment.

 

Mai 2025

Osterschokolade einschmelzen — Die meisten Schokoladehasen schmecken nicht halb so gut, wie sie aussehen. Dasselbe gilt für Schokoeier. Verspiesen werden müssen sie trotzdem, spätestens bis Weihnachten. Was sich bewährt, ist, sie einzuschmelzen und ihnen aromatisch auf die Sprünge zu verhelfen. Zum Beispiel, indem wir sie zu dem verblüffend guten Schokoladekuchen mit Rosmarin und Olivenöl verarbeiten, den Anna Jones in ihrem Buch One Pot, Pan, Planet beschreibt. (Verblüffend gut natürlich nur, wenn das Olivenöl top of the crop ist.)

Alina Grasmanns Bilder anschauen — Der Frühling wird oft als die schönste Jahreszeit bezeichnet. Eine zweifelhafte Einschätzung – viele Orte, finde ich, profitieren optisch durchaus von Herbstnebel und Winterschnee, der sie gnädig zudeckt. Aber wie dem auch sei: Zum Schönsten und Faszinierendsten, das es diesen Frühling zu sehen gibt, gehören bestimmt die Ölbilder von Alina Grasmann. Einige davon sind diesen Monat im Brühler Kunstverein zu sehen. Glücklich, wer in der Nähe wohnt! Allen anderen empfehle ich, Alinas Website zu besuchen.

Das Gute als Ausnahme begreifen — «90 Prozent von allem ist Scheisse», hat der Science-Fiction-Autor Theodore Sturgeon mal behauptet. Sturgeon schrieb Bücher mit so schönen Titeln wie Der letzte Egoist oder Eine Untertasse der Einsamkeit und regte sich darüber auf, dass seine Kunst despektierlich behandelt wurde. Natürlich seien 90 Prozent aller Science-Fiction-Romane schlecht, meinte er – aber das gelte für alles andere auch. Ganz verallgemeinerbar ist seine Regel, die als «Sturgeon’s Law» bekannt wurde, nicht. Circa 70 Prozent aller Badewannen zum Beispiel sind meiner Erfahrung nach gut. Aber grundsätzlich hat Sturgeon schon recht: Das Gute ist meistens die Ausnahme. Das gilt für Schokolade (siehe Punkt 1) ebenso wie für Ölgemälde (Punkt 2), für die Songs, die am Radio laufen und für die Pässe, die der FC Luzern spielt. Es gilt selbst für die Menschen, die wichtige öffentliche Ämter bekleiden – und für ihre Wählerinnen und Wähler. Ich glaube auch an das Gute im Menschen, aber es ist selten und kostbar. Wenn wir diese Tatsache akzeptieren, machen wir uns das Leben ein bisschen leichter. Statt uns über alles und jeden aufzuregen, können wir den Blick für die anderen 10 Prozent schärfen, die es glücklicherweise auch gibt. Wir können sie fördern, empfehlen und nachahmen, und wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass sie niemals ganz verschwinden. Denn dann – aber erst dann – wäre die Welt wirklich ein Ort zum Verzweifeln.

 

April 2025

In den Krieg ziehen? — Es ist schon erstaunlich: Als im Sommer 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausbrach, reisten zahlreiche internationale Intellektuelle – etwa George Orwell, André Malraux, Martha Gellhorn oder Ernest Hemingway – ins Kriegsgebiet, um die spanische Republik im Kampf gegen die Faschisten unter Franco zu unterstützen. Heute wütet in Europa ein Krieg, der bereits jetzt mehr Opfer gefordert hat als jener damals, und in dem die Rollen von Gut und Böse mindestens so klar verteilt sind. Aber wenn sich Intellektuelle überhaupt dazu äussern – die allermeisten drücken sich davor – dann nicht selten, um vor einer allzu wirkungsvollen Unterstützung der Ukraine zu warnen. Es könnte ja sein, dass uns diese als Kriegsbeteiligung ausgelegt würde und wir uns am Ende gezwungen sähen, dem Zertrümmerer von Demokratie und Menschenrechten selber entgegenzustehen! Man muss nicht unbedingt zur Waffe greifen, um sich ein halbwegs gutes Gewissen zu bewahren. (Hemingway tat das im Übrigen auch nicht; er war «nur» als Reporter im Krieg). Aber ein offener Stellungsbezug und der eine oder andere Franken/Euro/Dollar sollte auch in post-heroischen Zeiten nicht zu viel verlangt sein. Gerade von denen, die lieber mit der Feder kämpfen.

Happy Traum hören — Das ist nicht das neue Album von Heidi Happy (obwohl ich das auch empfehle, wenn es denn kommt), sondern ein richtiger Name! Harry Peter «Happy» Traum kam 1938 auf die Welt, wurde anfangs der 1960er Jahre im New Yorker Greenwich Village gross (zusammen mit Bob Dylan), und ist 2024 gestorben. Abschiedssong: There’s a Bright Side Somewhere. Allzu lang kann ich seinem Feelgood-Folk nicht lauschen, aber er ist eine schöne Erinnerung an ein Amerika, dass es mal gab – und vielleicht irgendwann wieder geben wird.

Schuhe im Stehen binden — Die besten Fitnesstests sind gratis. Wenn immer ich mir die Schuh binde, versuche ich das auf einem Bein zu tun – und weil ich das Haus meistens nüchtern verlasse, gelingt es mir auch zuverlässig. Ich bilde mir sogar ein, diese Fähigkeit ewig behalten zu können, wenn ich sie nur jeden Tag trainiere: Es kann doch nicht sein, dass ich sowas Einfaches heute schaffe und morgen plötzlich nicht mehr. An dem Tag, an dem es mir nicht mehr gelingt, wird jedenfalls mehr ins Wanken geraten als nur mein Körperschwerpunkt.

 

März 2025

Kein Arschloch sein — Politik ist einfach geworden. Früher war sie manchmal kompliziert: Steuersystem ändern? Wenn ja, wie? Klima schützen? Mit welchen Massnahmen? Wirtschaft fördern? Ja, aber welche? Es war nicht immer klar, was richtig war. Diskussionen und Debatten hatten einen Sinn. Dann aber kamen die Arschlöcher. In Italien Berlusconi, in Österreich Haider, in Ungarn Orbán, in Amerika Trump, und so weiter. Auch hier. Natürlich gab es schon immer Arschlöcher, aber sie waren Aussenseiter, die man getrost ignorieren konnte. Sie hatten kein Megafon und kein Netzwerk. Heute haben sie beides, und so können sie sich organisieren, rekrutieren und mobilisieren. Es gibt plötzlich sehr, sehr viele davon – oder jedenfalls sind sie sichtbarer geworden. Und sie greifen nach der Macht, wie das jede Gruppe tut, die eine Chance sieht, eine Mehrheit zu bilden. Damit bestimmen sie – ob wir wollen oder nicht – unsere politische Agenda. Die Diskussionen und Debatten von früher sind auf einmal obsolet. Natürlich wäre es wichtig, zu besprechen, ob Geoengineering sinnvoll ist, ob es Anschubsubventionen braucht oder eine höhere Mehrwertsteuer. Wäre wichtig, wenn nicht gleichzeitig eine viel, viel wichtigere Frage anstünde: Ob die Arschlöcher an die Macht kommen (oder bleiben, dort, wo sie es schon sind). Gegen die Gefahr, die von ihnen ausgeht, wird alles andere zur Nebensache, denn die Arschlöcher haben das Potenzial, auf jede einzelne politische Frage die schlechtestmögliche Antwort zu geben. Deshalb müssen sich Menschen mit Herz und Hirn und Rückgrat dringend zusammentun, auch wenn sie sich nicht in allem einig sind. Es kommt jetzt grad nicht so sehr drauf an, ob wir diese oder jene Partei wählen, diese Frau oder jenen Mann – sondern darauf, keine Arschlöcher zu wählen. Also ganz konkret: selber keines zu sein.

Die Ukraine unterstützen — Die Ukraine ist das Opfer des grössten und vermutlich grässlichsten Krieges seit 1945. Sie hat jede mögliche Unterstützung verdient. Eigentlich wäre es die Aufgabe der Politik, diese zu organisieren – immerhin steht eine Weltordnung auf dem Spiel, die auf Prinzipien und Regeln basiert. Aber weil die Politik vielerorts unentschlossen agiert (oder sogar gemeine Sache mit dem Kriegsverbrecher macht, siehe oben), müssen private Organisationen ran. Diese zu unterstützen, ist in der Schweiz gar nicht mal so einfach. Unter dem feigen Vorwand der Neutralität wird die militärische Unterstützung der Ukraine verhindert. Mehrere Spenden, die ich anfangs des Krieges überweisen wollte, wurden von meiner Bank zurückgewiesen, mit Verweis auf die schweizerische Gesetzgebung. Die einzige, glückliche Ausnahme bislang ist die Organisation Come Back Alive, mittlerweile die grösste NGO der Ukraine. Wer wissen will, wie sie ihr Geld einsetzt, kann auf der Website Berichte wie jenen von Unteroffizierin Yulia Paievska (Bild oben) lesen. Gespendet werden kann per Kreditkarte, und der Verwendungszweck jeder Spende lässt sich bis ins Detail nachverfolgen.

Heissen Honig trinken — Zum Schluss doch noch etwas Erwärmendes. Was trinkt man am Abend eines Tages, der nicht Freitag, Samstag oder Sonntag heisst? Diese Frage beschäftigt mich, seit ich beschlossen habe, unter der Woche keinen Alkohol zu trinken. Wein, Bier und Spirituosen fallen also aus, aber leider sind es genau diese drei, die das Zeug haben, mich organoleptisch einen Abend lang zu unterhalten. Es gibt kaum nicht-fermentierte Getränke, die im Vergleich dazu nicht banal sind. Jetzt aber hab ich eines gefunden – in heisses Wasser eingerührten Honig. Ich weiss nicht genau, was im Körper von Honigbienen passiert, wenn sie den gesammelten Blütennektar verarbeiten, aber das Resultat steht in punkto Aromatik keinem Grand Cru oder Edelbrand nach. Auch die Vielfalt an Honigsorten – je nach Herkunft des Blütenstaubs oder Honigtaus – ist so faszinierend wie die von Wein. Ausserdem, und das ist das Verblüffendste, schmeckt so ein Glas heissen Honigwassers genau so kräftig, vollmundig und langanhaltend wie ein alkoholhaltiges Getränk. Ich nehme an, das liegt daran, dass Alkohol nichts anderes ist als umgewandelte Süsse. Beide machen sich am Gaumen breit und bleiben da, bis man ins Bett geht oder sich für ein weiteres Glas entscheidet. Was mich an dieser Entdeckung nervt, ist nur, dass ich sie nicht schon früher gemacht habe. Eigentlich hätte ich’s wissen müssen: «Iss Honig mein Sohn», soll König Salomon seinem Sprössling geraten haben, und angefügt haben: «denn er ist gut.» Ein Satz, der an Weisheit und Stringenz kaum zu überbieten ist.

 

Februar 2025

Wählen — Diese Empfehlung richtet sich insbesondere (aber nicht nur) an meine Nachbarn und Freunde in Deutschland, die sich am 23. Februar für «Jamaika», «Kenia», «Deutschland», «Dirndl», ein Viertes Reich oder eine andere Option entscheiden dürfen. Es ist unüberschätzbar wichtig, dass alle vernunftbegabten Wählerinnen und Wähler von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. (Die anderen dürfen gerne zuhause bleiben.) Denn es stimmt zwar, was Winston Churchill sagte: dass die Demokratie die schlechteste Staatsform sei — mit Ausnahme aller anderen. Es stimmt aber auch, was Henry Mencken sagte: «Wenn die Demokratie sich fortlaufend perfektioniert, widerspiegelt die Präsidentschaft immer exakter die innere Seele des Volkes. Eines grossen und glorreichen Tages wird sich der Herzenswunsch der Leute erfüllen und das Weisse Haus mit einem wahren Idioten verziert sein.» Zum Glück gibt es zumindest theoretisch verschiedene Arten, die Demokratie zu perfektionieren. Für die, die’s interessiert, hier ein Vorschlag dazu.

Mandarinen essen (nicht Mandarin lernen) — Fremdsprachen-Lernen ist passé, und es kommt auch nicht wieder, da können die Zöglinge aus Zug und Zuoz sagen, was sie wollen. Zu gut ist die Simultanübersetzung mittlerweile, und bald werden wir mit keinem Kellner mehr sprechen, ohne einen Knopf im Ohr zu haben. Das gilt erst recht für China und Mandarin. Duolingo, vielen Dank, war schön mit dir. Komplett unterschätzt ist hingegen weiterhin und seit eh die Frucht namens Mandarine. Sie ist, finde ich, die Königin der Früchte (und übrigens, wusstet ihr’s?, die Mutter der Orange) – keine andere nimmt’s mit ihr in Sachen aromatischer Komplexität, Raffinesse und Einzigartigkeit auf. Leider haben ihr totale Ignoranten vor Jahrzehnten die Kerne weggezüchtet, und gleichzeitig auch ihr ganzes Aroma. Das Resultat nannten sie «Clementine» – und erbarmungswürdig ist es in der Tat. Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass in China, dem Herkunftsland der Mandarine, irgendjemand sowas isst. Sobald sie mich simultan verstehen, frag ich mal ein paar Chinesen.

Mit Anna Jones kochen — Um noch mal auf die Mandarine zu kommen: Wer tatsächlich ein Problem mit Kernen in einer Frucht hat (wobei ich mich frage, ob diese Leute auch ein Problem mit Wolken am Himmel haben, oder mit Wellen auf dem Wasser), wer also mit den Kulturtechniken des Schluckens oder Spuckens nicht vertraut ist, kann immer noch den Milchreis kochen, den Anna Jones in ihrem Buch One Pot, Pan, Planet beschreibt. Dabei kommen von der Mandarine nur der Saft und die Zeste zum Einsatz. Das reicht, um ihn mit riesigem Abstand zum besten Milchreis zu machen, den ich je auf einem Löffel hatte.

 

Januar 2025

Moralisieren — Moral ist grad nicht besonders angesagt. Selbst wer sie hochhält, spricht lieber von Ethik, das klingt irgendwie zeitgemässer. Allerdings ist es nicht dasselbe: Ethik ist rein beschreibend, die wissenschaftliche Analyse sittlichen Verhaltens. Moral hingegen ist vorschreibend, sie sagt, was richtig und falsch ist, was wir tun oder lassen sollen. Insofern muss sich der Ethiker nichts vorwerfen lassen, die Moralistin hingegen schon: Sie riskiert, als «belehrend» beschimpft zu werden, als «moralinsauer» oder als «Gutmensch» mit chronisch erhobenem Zeigefinger. Diese Vorwürfe kommen zuverlässig von denen, die am meisten zu befürchten haben, wenn ihr fragwürdiges Verhalten als solches benannt wird: von selbstgerechten Egoisten, Zynikern und heimlichen Sittenstrolchen (Strolchinnen gibt es auch, aber weniger). Dabei ist das vielgescholtene Moralisieren mindestens die zweitnobelste menschliche Aktivität – gleich nach dem vorbildhaften Verhalten. Gutes selber zu tun ist zweifellos unsere erste moralische Pflicht. Wer andere zu Gutem anhält, also moralisiert, erzeugt aber womöglich die noch grössere Wirkung. Wir brauchen dringend mehr, nicht weniger Menschen, die sich das trauen.

Mammuts züchten — Das Mammut ist mein Lieblingstier (oder wäre, wenn es noch existieren würde). Entsprechend entzückt war ich, als ich in Sam Harris’ Podcast hörte, dass der amerikanische Unternehmer Ben Lamm das wollige Ungetüm wiederauferstehen lassen will — und zwar noch in diesem Jahrzehnt. Entzückt, und auch ein bisschen erschreckt, denn natürlich sind Eingriffe in den Genpool des Planeten mit mammutgrossen Unsicherheiten behaftet. Lamm aber meint es ernst, und, wie mir scheint, auch durchaus gut. Die Wiederansiedlung ausgestorbener Arten (er hat auch den tasmanischen Tiger und den Dodo im Blick) könnte laut ihm nicht nur spektakulär, sondern auch ökologisch sinnvoll sein. Aber hört selbst (englisch).

E-Mails blind öffnen — Ich bekomme etwa drei, vier Dutzend E-Mails pro Tag. Die meisten davon sind harmlos (am allerliebsten ist mir simpler Spam, den ich einfach wegklicken kann). Aber was, wenn es plötzlich eine Anfrage reinschneit, von der man weiss, dass sie jegliche Wochenplanung komplett auf den Kopf stellen wird? Wenn sich plötzlich das Strassenverkehrsamt Toulouse meldet? Oder der längst vergessene Schulkollege, der schreibt «Hey, wir sollten doch endlich wieder mal …»? Ich habe Angst vor solchen E-Mails, von richtig schlechten Nachrichten gar nicht zu sprechen. Und ich bin offenbar nicht allein damit: Einer aktuellen deutschen Studie zufolge fühlen sich mehr als 60 Prozent aller Leute von der täglichen E-Mail-Flut gestresst und gesundheitlich beeinträchtigt. Was tun? Unerwünschte Nachrichten und Anfragen lassen sich nicht einfach wegzaubern — irgendwann kommt der Moment, wo man sich ihnen stellen muss. Was sich aber wenigstens ausschalten lässt, ist der Stress, den wir empfinden, bevor wir sie öffnen. Meistens genügt nämlich schon der Name des Absenders oder die Betreffzeile, um uns den Schweiss auf die Stirn zu treiben. Wir sind vielleicht noch bei den ersten E-Mails des Tages, haben aber schon mit einem Auge gesehen, was 14 Zeilen weiter unten lauert. Und auf Zeile 22. Und auf Zeile 35 … Das macht uns derart kirre, dass wir uns nicht mal auf die aktuelle Nachricht konzentrieren können, geschweige denn auf etwas anderes. Ich habe mir deshalb den Trick angewöhnt, das E-Mail-Fenster an den linken Bildschirmrand zu schieben – so weit, dass ich nur noch das Sendedatum sehen kann, keinen Absender und keine Betreffzeile. So weiss ich, wie viele ungelesene Mails ich noch vor mir habe, aber nicht, von wem sie kommen oder was sie beinhalten könnten. Das E-Mail-Durchgehen fühlt sich damit an, wie sich früher das Durchgehen eines Stapels Briefe angefühlt hat: Man öffnet einen um den anderen, nicht wissend, was einen erwartet. Das schützt nicht vor unangenehmen Überraschungen, aber es nimmt einem die Angst davor, weil man sie nicht schon kommen sieht. Umso schöner ist es ausserdem, wenn mal eine schöne Überraschung dabei ist. Auch das kommt nämlich vor.

 

 

 

03.02.2025 | Niko Stoifberg
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