Halbträume

2020/4/4

Ich träumte von einem Mädchen, das sein liebstes Wimmelbuch aufschlug, aber ausser ein paar Tauben und einem streunenden Hund nichts mehr entdeckte.

 

2020/4/3

Ich träumte von Frau Holles Grabstein. Er war mit einem Moos überwachsen, das in diesen Breitengraden bislang nicht vorkam.

 

2020/4/2

Ich träumte von einem Quarantänen-Roman namens «Hier».

 

2020/4/1

Ich träumte von einem US-Präsidenten Biden. Dann ging der Telefonwecker an und zeigte mir das Datum.

 

2020/3/31

Ich träumte von einer extrem progressiven Band. Leider erlebte sie nie jemand live, weil sie der Zeit immer weit voraus war.

 

2020/3/30

Ich träumte von einer Regierung, die die Winterzeit verlängerte, um eine Stunde im Kampf gegen Corona zu gewinnen.

 

2020/3/29

Ich träumte von einem alten, bärtigen Mann, der ein grosses Schiff baute. Er nannte es «Hoffnung». Als es fertig war, liess er es fahren.

 

2020/3/28

Ich träumte von einem Dadaisten namens Hannes Reh, der sich H. Reh nannte, eine Frau namens Krishna heiratete und seine Tochter auf den Namen Kartoffelpü taufte.

 

2020/3/27

Ich träumte – leider nicht, es ist wahr – dass meine Cousine, 25 Wochen schwanger, einen geplatzten Blinddarm operieren musste. Mutter und Kind sind wohlauf.

 

2020/3/26

Ich träumte, dass das Coronavirus mutierte und das Internet befiel. Jetzt endlich hatten die Leute die Ruhe, die für Quarantänen typisch sein soll.

 

2020/3/25

Ich träumte von einem Mädchen, das eine schwarz-weisse Geiss gesehen hatte. So eine wünschte es sich in Plüsch. Der Vater graste das Internet ab, doch er fand nur vollständig schwarze oder aber vollständig weisse Geissen. Eine dieser letzteren kaufte er und tunkte ihr Hinterteil in einen Topf mit schwarzer Baumwollfarbe. Er schenkte sie seiner Tochter. Die sagte: «Nein, vorne schwarz und hinten weiss!»

 

2020/3/24

Ich träumte von einem Atemschutzmasken-Hersteller, der die Produktion auf T-Shirts umstellte. Darauf stand: «I’ve had it, you can kiss me!»

 

2020/3/23

Ich träumte von einem Obdachlosen, der die Ausgangsregeln einhalten wollte.

 

2020/3/22

Ich träumte von einem Spaziergänger, der, inspiriert von Reinhold Messner, den Vorsatz fasste, alle Achthunderter zu besteigen. Er schaffte zwar nur 346 Gipfel, doch im Gegensatz zu Messners Rekord bleibt der seine bis heute unerreicht.

 

2020/3/21

Ich träumte von einem Hammer, der Zeit seines Lebens keinen Nagel auf den Kopf traf. Er gab die Schuld den Händen, die ihn hielten, und hatte damit nicht Unrecht.

 

2020/3/20

Ich träumte von einem Winter, der zu Ende ging, obwohl er gar nie begonnen hatte.

 

2020/3/19

Ich träumte von einer Schicksalsgöttin, der eines Morgens plötzlich das Garn ausging. Grosse Langeweile trat ein.

 

2020/3/18

Ich träumte von der allerersten Frau, die einen Urururenkel bekam. Sie wollte ihn auf dem Arm halten, doch er war bereits digitalisiert.

 

2020/3/17

Ich träumte von einem Virus, das keinen Wirt mehr fand, der noch offen hatte. Es ertränkte seinen Kummer in einer Überdosis Desinfektionslösung.

 

2020/3/16

Ich träumte (schon wieder) davon, dass die Erde sich plötzlich nicht mehr weiter drehte – weder um sich selbst, noch um die Sonne. Grosse Migrationsbewegungen setzten ein. Das beliebteste Ziel war der Frühlingstag.

 

2020/3/15

Ich träumte von einer Gletscherzunge, die sich derart schnell zurückzog, dass sie die Alpinisten, die sich auf ihr befanden, allesamt verschluckte.

 

2020/3/14

Ich träumte von vier Zwangsneurotikern, die zusammen Fondue assen. Natürlich mussten sie den Käse unbedingt in Form einer Acht umrühren. Als einer von ihnen bemerkte, dass jede Acht von der Seite betrachtet wie ein Unendlichkeitszeichen aussieht, konnten sie mit dem Umrühren nicht mehr aufhören. Wahrscheinlich starben sie irgendwann – wie jeder, der nie zum Essen kommt – und falls nicht, dann rühren sie heute noch.

 

2020/3/13

Ich träumte, dass Frankreich und Deutschland ihre Burka-Verbote wieder aufhoben und stattdessen die Burka-Pflicht einführten: um die Bevölkerung vor Tröpfcheninfektionen zu schützen.

 

2020/3/12

Ich träumte von Charles Baudelaires Herz. Es lag auf einem Seziertisch und fing auf einmal wieder zu schlagen an.

 

2020/3/11

Ich träumte von einer exponentiellen Kurve, die derart steil anstieg, dass sie auf dem Höhepunkt einen Rückwärtssalto schlug. Als die Experten verstanden, was das bedeutet, war es leider bereits zu spät.

 

2020/3/10

Ich träumte von einem Schwimmer, der sich mit der klebrigen Badekappe versehentlich den ganzen Kopf vom Leib riss. Der Bademeister sagte, das gehe nicht.

 

2020/3/9

Ich träumte von einer Frau, die so viele Pflanzen in ihrem Wohnzimmer hatte, dass ihr bester Freund von einem «Dschungel» sprach. Dieser beste Freund war es, der ihr eines Tages eine späte Heirat antrug. Sie nahm an, doch leider starb er bald darauf an einer Tropenkrankheit. Sie verwendete seine Asche als Dünger.

 

2020/3/8

Ich träumte von einem Pantoffelhelden, der von seiner Frau zum Geburtstag ein Paar Reiterstiefel bekam. Er verstand den Wink, nahm ein paar Reitstunden, fiel vom Pferd und brach sich das Genick.

 

2020/3/7

Ich träumte von einer Brille, durch die man Corona-Viren sehen konnte. Die Leute, die sie trugen, schlingerten wie betrunken durch die Stadt.

 

2020/3/6

Ich träumte von den «Sultans of Swing» – den Vorbildern für den gleichnamigen Song –, die im Alter von 104 beschlossen, doch noch auf Welttournee zu gehen. Als Vorgruppe spielten Dire Straits.

 

2020/3/5

Ich träumte von einem Spital in Frankreich, das Corona-infizierte Menschen erst dann behandelte, wenn sie das Wort «Quarantaine» korrekt aussprechen konnten.

 

2020/3/4

Ich träumte von einem Politiker, der die Karo-Grösse seiner Hemden – kleinkariert, Vichy, Holzfällerflanell – dem jeweiligen Publikum anpasste. Schliesslich fehlten ihm die Stimmen der T-Shirt-Träger.

 

2020/3/3

Ich träumte von einer Gartenarchitektin namens Eva. Sie liess alle Bäume der Erkenntnis fällen und pflanzte stattdessen Kakao.

 

2020/3/2

Ich träumte von einem Banküberfall: «Geld her oder ich huste!»

 

2020/3/1

Ich träumte von einem Barolo, der «ungeahnte Tiefe entfaltete». Wer immer einen Schluck davon nahm, kippte unversehens vornüber ins Glas und tauchte nie, nie, nie mehr auf.

 

2020/2/29

Ich träumte, dass das Corona-Virus den Menschen als Wirt auf TripAdvisor mit 3.2 bewertete. Das Schwein bekam 4.6.

 

2020/2/28

Ich träumte von einem Menschen, der keinen anderen Menschen an sich heranliess. Sein Körperumfang erlaubte es nicht.

 

2020/2/27

Ich träumte von einer «Dreistaatenlösung», die neben Israel und Palästina noch einen winzigen Drittstaat vorsah: für vernünftige Menschen aus beiden Ländern.

 

2020/2/26

Ich träumte von einem apokalyptischen Reiter, der seinen Auftritt verpasste. Er nahm’s gelassen und sagte sich: «Morgen ist auch noch ein Tag.»

 

2020/2/25

Ich träumte von einem fliegenden Teppich, der immer dann abhob, wenn jemand etwas unter ihn kehren wollte.

 

2020/2/24

Ich träumte von einem Mann, der eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, sich aber nicht etwa verwandelt fand, sondern immer noch genau derselbe, durchschnittliche Typ war wie am Vortag.

 

2020/2/23

Ich träumte von einer Après-Ski-Bar, die ihre Terrasse mit Bier einschäumte, bis sie winterlich aussah. Die Stimmung war noch besser als sonst.

 

2020/2/22

Ich träumte von einem Murmeltier, das wegen der hohen Temperaturen und trotz der Ermahnungen seiner Eltern keinen Winterschlaf halten wollte. In der Folge war es den ganzen Frühling, Sommer und Herbst über quengelig.

 

2020/2/21

Ich träumte, dass die Erde ihre Rotation eines Tages plötzlich stoppte. Das Nachtleben fand ab diesem Zeitpunkt ausschliesslich in Asien statt.

 

2020/2/20

Ich träumte von einem Fasnächtler, der am Donnerstagmorgen pünklich um 5 Uhr auf dem Kapellplatz stand. Hier fand er sich allerdings allein – der Winter hatte nicht stattgefunden, es gab also nichts zu vertreiben, und der Anlass war deshalb abgesagt.

 

2020/2/19

Ich träumte von einem Mann, der einen Brief bekam mit der ominösen Aufschrift: «Öffnen lohnt sich nicht.» Er öffnete ihn natürlich doch und fand – dass der Umschlag leer war. Am nächsten Tag kam ein weiterer Brief, in einem grösseren Umschlag, und wieder stand darauf: «Öffnen lohnt sich nicht.» Der Mann war natürlich nicht bereit, zweimal auf denselben Witz reinzufallen. Aber gleichzeitig war er auch nicht so blöd, nicht zu merken, dass diesmal etwas drin war. Er riss den grossen Umschlag auf und fand darin einen kleineren. Darauf stand: «Öffnen lohnt sich nicht.»

 

2020/2/18

Ich träumte von einem Virus, das auf der Tastatur von Bankomaten hauste. Die Infizierten brauchten alles Geld, das sie abhoben, für die Arztrechnung.

 

2020/2/17

Ich träumte von einer Muse, die keine Lust mehr hatte, Künstler zu küssen. Sie begann stattdessen Buchhalter zu küssen. Die fühlten sich erst mal sehr geehrt und in höchstem Maße beflügelt, doch dann landeten sie allesamt im Gefängnis.

2020/2/16

Ich träumte von einem Mann, der all seine Freunde an seine Badewanne lud, um nach altrömischer Art – per Pulsaderschnitt – aus dem Leben zu scheiden. Statt den Freunden kam die Polizei, und er wurde in eine Klinik gebracht. Dort durfte er immerhin Seneca lesen.

 

2020/2/15

Ich träumte von einem Gespenst, das ausschliesslich denen erschien, die nicht an es glaubten.

 

2020/2/14

Ich träumte von einer Frau, deren Stiefel bei jedem Schritt durch den tiefen Schnee leise quietschten und erzitterten. Die Frau musste an Mäuse denken, die unter dem Schnee ihren Winterschlaf hielten. Sie konnte nicht mehr weitergehen.

 

2020/2/13

Ich träumte von einem, der sich so viel Mühe gab, dass er zu viel hatte.

 

2020/2/12

Ich träumte von einer Schneeflocke, die schon bald nach ihrer Zeugung schmolz und deshalb nie zur Welt kam. Ihre Eltern waren untröstlich und fluteten das Land mit Tränen.

 

2020/2/11

Ich träumte von einem Banker, der seines Jobs überdrüssig geworden war. «Andere opfern sich für die Gesellschaft», dachte er, «ich nehme sie aus». Er erinnerte sich an sein Handwerkstalent und begann Kleiderständer zu zimmern. Sein Lieblingsmodell hatte die Form eines Kreuzes. Daran hängte er fortan seine Hemden, manchmal auch eine Krawatte.

 

2020/2/10

Ich träumte von einer Nostalgikerin, die sich die Farbrezeptoren auf ihrer Netzhaut paralysieren liess. Fortan war ihre Welt schwarz-weiss.

 

2020/2/9

Ich träumte von einem Briefmarkensammler, dem Präsidenten des Regionalverbandes West-West, der seinen Philatelisten vorschlug, in Zukunft nicht mehr Briefmarken, sondern E-Mail-Protokoll-Codes zu sammeln. Dies, so er, sei der einzige Weg, die Philatelie zukunftsfit zu machen. Nach einigen schlecht besuchten Sitzungen wurde er unter einem Vorwand entmachtet.

 

2020/2/8

Ich träumte von einem Mann, der eine Kaffeetasse fallen liess. Sie war weder besonders schön, noch besonders wertvoll, noch sonstirgendwas. Doch es war die Lieblingstasse seiner Frau. Warum? Das wollte sie ihm nie sagen. Jetzt, während er die Scherben aufwischte, fragte er sie noch einmal danach. «Es war die einzige Tasse», sagte sie, «die ich schon vor dir besass.»

 

2020/2/7

Ich träumte, dass ein Astronom – ganz auf Exoplaneten fokussiert – an einem Milky-Way erstickte.

 

2020/2/6

Ich träumte von einem Trapper, der sich im Winter 1846 zu einer Hütte vorkämpfte, in der er schon oft übernachtet hatte. Als er sie völlig erschöpft erreichte, waren seine Finger zu steif, um die Türfalle von dem Eis zu befreien, das sich darum gebildet hatte. Er begann, das Eis wegzulecken – musste aber aufgeben, als sein Kiefer einfror.

 

2020/2/5

Ich träumte von einer Frau, die eines Morgens derart müde war, dass sie einfach nicht aufstehen mochte. Sie griff zu ihrem Telefon und meldete sich an der Arbeit krank. Darauf packte sie das schlechte Gewissen, und sie konnte nicht mehr einschlafen.

 

2020/2/4

Ich träumte von einem Skiliftsessel, dessen Bügel sich nicht schliessen liess. «Solange er fährt», sagte mein Sitznachbar, während wir über den Abgrund sausten, «kann uns eigentlich nichts passieren. Ein Problem wär nur, wenn der Lift plötzlich stoppt.» Wir redeten zur Ablenkung über das Wirtschaftswachstum – er war Ökonom – bis wir merkten, dass dort dasselbe galt. Darauf schwiegen wir, hielten uns aneinander, was natürlich sinnlos war, und hofften auf flüssige Weiterfahrt.

 

2020/2/3

Ich träumte von einem Meteorologen, der seine Wetterprognosen schönte: Wenn die Leute sich Schnee wünschten, sagte er statt Regen ebensolchen voraus, und wenn sie des Regens überdrüssig wurden, malte er eine Sonne an den Zeithorizont – auch wenn seine Daten was Anderes sagten. Als man ihm auf die Schliche kam und mit Entlassung drohte, gab er die Meteorologie von sich aus auf und wandte sich der Glücksforschung zu.

 

2020/2/2

Ich träumte von einem Herzen, das eines Morgens plötzlich arhythmisch schlug. Der Besitzer dieses Herzens erschrak, doch als er nach ein paar Stunden immer noch keinerlei Beschwerden hatte, beschloss er, nicht zum Arzt zu gehen, sondern eine Freejazz-Band zu gründen. Diese Band, schrieb ein Kritiker bald darauf, sei «etwas vom Authentischsten», was die Szene gegenwärtig zu bieten habe.

 

2020/2/1

Ich träumte von einer Wissenschaftlerin, die die Stimme von James Blunt analysierte. Ihr Team entwickelte in der Folge eine pränataldiagnostische Methode, dank der Stimmbandprobleme wie die von James Blunt schon im Frühstadium erkannt werden können.

 

2020/1/31

Ich träumte von einem Mann, der das Problem des Klimawandels mit einem Elefanten verglich, der in der Stube steht. «Man kann ihn natürlich ignorieren, Möbel abstauben, die Meerschweinchen füttern, oder einfach die Zeitung lesen. Aber was man auch tut, es wirkt lächerlich, so lange man sich nicht darauf verständigt, wie man den Elefanten rausbringt.» – «So ist es», rief ihm seine Frau zu, die in der Küche den Abwasch machte.

 

2020/1/30

Ich träumte von einem Mann, der erst seinen Zug verpasste und eine Stunde später in einen falschen einstieg. In dem Bahnhofscafé, wo er schliesslich strandete, lernte er seine spätere Frau kennen.

 

2020/1/29

Ich träumte von einem der seltsamsten Todesfälle aller Zeiten: Ein Hypnotiseur probte vor dem Spiegel und hypnotisierte sich dabei selbst. Einmal in Trance versetzt, wartete er auf Befehle – doch es kamen keine.

 

2020/1/28

Ich träumte von einem Sohn, der vergass, seiner 147-jährigen Mutter zum Geburtstag zu gratulieren. Glücklicherweise hatte sie ihn auch vergessen.

 

2020/1/27

Ich träumte von Katja Schnabel, der Erfinderin der «Smarties-Diät». Obwohl ihre Methode – keinerlei Süssigkeiten ausser Smarties, davon aber jeden Tag eines, je nach Stimmung rosa, blau, grün, gelb, violett, orange, rot oder braun – obwohl also diese, ihre Diät erwiesenermassen bessere Resultate zeigte als die meisten Diäten, blieb Frau Schnabel Zeit ihres Lebens jegliche Anerkennung versagt, sowohl in wie auch ausserhalb von Fachkreisen.

 

2020/1/26

Ich träumte von einem Mann, der beschloss, nie mehr die Kontrolle zu verlieren. Er lebte ein sehr kontrolliertes Leben, bis er mit 58 von einer unkontrollierten Langläuferin angefahren wurde und verstarb.

 

2020/1/25

Ich träumte von einem Maulwurf, der schuld an einer Schienbeinkopffraktur, einem Kreuzbandriss, einem Schädeltrauma und ungefähr 13 Prellungen war. Er hatte seinen Hügel just an jener Stelle aufgeworfen, wo die Abfahrer in Kitzbühel die Kurve zum Zielschuss ansetzten.

 

2020/1/24

Ich träumte von einer Frau, die sich bei den Muotathaler Wetterschmöckern bewarb. Statt auf Tannenzapfen und Ameisen-Oberschenkeln wollte sie ihre Wetterprognosen auf die Grösse von Menschenhirnen abstellen. Je kleiner die Hirne, so ihre Voraussage, desto wärmer wird das Jahr.

 

2020/1/23

Ich träumte von einem Mann, der mit seiner Frau vor dem Scheidungsrichter sass. Dort platzte dem armen Kerl der Kragen – wortwörtlich, nicht im übertragenen Sinn. Sein Hemd (sein einziges weisses, das er schon zur Hochzeit getragen hatte) war ihm inzwischen deutlich zu eng, und der oberste Knopf hielt dem Druck nicht mehr stand. Der Knopf sprang mit einem Ploppgeräusch auf und gab ein Dreieck nackter Haut frei, auf der nun die Krawatte lag. Die Frau, die grad unterschreiben wollte, schreckte hoch und musste lachen, ihr Noch-Mann auch, und selbst der Richter. Als sich das Gelächter legte, begannen die Eheleute zu weinen. Die Scheidung fand nicht statt.

 

2020/1/22

Ich träumte von einer Metal-Band, die «Gründe zur Beunruhigung» hiess. Leider stiess sie auf wenig Medienecho.

 

2020/1/21

Ich träumte von einem Jäger, der im äussersten Norden Japans an einem Eisloch auf eine Robbe wartete. Als sie auftauchte, stach er zu, und das Loch im Eis färbte sich rot. Entgegen anderslautender Mythen war es diese alltägliche Episode – und nicht die aufgehende Sonne – die ihn zu Japans Flagge inspirierte.

 

2020/1/20

Ich träumte von einer Wahrsagerin, deren Glaskugel einen Sprung hatte. (Sie war beim Abstauben runtergefallen, doch das tut hier nichts zur Sache.) «Ich sehe ein grosses Zerwürfnis zwischen China und den USA», orakelte sie. Verblüffenderweise kam am selben Tag eine grossangelegte Studie des Institute for International Economics zu exakt demselben Schluss.

 

2020/1/19

Ich träumte von einem Mann, der beim Bügeln an die Frau denken musste, die diese Arbeit früher für ihn gemacht hatte. Darob vergass er das Bügeleisen und brannte ein Loch in die Hemdbrust.

 

2020/1/18

Ich träumte von einer Frau, die auf der Suche nach einem passenden Namen für ihr Lokal auf die Idee kam, es «Das nächste Café» zu nennen. Wer daran vorbeikommt, dachte sie, für den ist es wirklich das nächste Kaffee, und wäre hätte nicht schon den Satz gesagt: «Komm, gehen wir ins nächste Kaffee». Ihre Rechnung ging hunderprozentig auf – was im Gastgewerbe eine Seltenheit ist – und sie konnte schon nach anderthalb Jahren «Das übernächste Café» eröffnen.

 

2020/1/17

Ich träumte von einem Kind, das mit einer kopflosen Puppe angerannt kam. «Was ist denn mit der passiert?» fragte die Mutter. – «Sie will nicht drüber reden», sagte das Kind.

 

2020/1/16

Ich träumte von einer Tierart, die genau an der Grenze steht zwischen Tieren mit Bewusstsein und solchen ohne. Von einer Tierart also – vielleicht einer Qualle – die knapp imstande ist, Leid zu empfinden, oder eben nicht. Die Eltern dieser Tierart, denke ich, hoffen, dass ihr Kinder doof sind.

 

2020/1/15

Ich träumte von einem Einfamilienhausbesitzer, der es schaffte, sein Häuschen auf Passivhaus-Niveau zu bringen, indem er sämtliche Wände mit alten Lebkuchenherzen isolierte.

 

2020/1/14

Ich träumte von einem Eichhörnchen, das im Winter die Nüsse nicht mehr fand, die es im Herbst vergraben hatte. Nicht, weil so viel Schnee lag, sondern weil gar keiner gefallen war, der Vorrat offen da lag und von anderen Hörnchen gefressen wurde, die sich dem Klimawandel anpassten und früher aufstanden als es.

 

2020/1/13

Ich träumte von einem Mann, der von seiner Frau verlangte, dass sie sich die Achselhaare stehen liess. «Das wollte Napoléon auch so», sagte er, «von seiner Joséphine.» – «Du bist aber nicht Napoléon», sagte sie, «du bist Herbert. Und ich bin Trudy.» Das musste er akzeptieren, doch aus Trotz liess er sich einen Schnauzbart wachsen.

 

2020/1/12

Ich träumte von einer Schriftstellerin, die ganz genau wusste, dass sie vor Jahren eine Erzählung begonnen hatte, die «Ein Ort namens Nirgends» heissen sollte. Leider fand sie das Manuskript nicht mehr.

 

2020/1/11

Ich träumte von einem Meteorologen, der die Schneefallmenge statt in Zentimetern in Anzahl Flocken mass. Ende Saison zeigte sein Messgerät in Übereinstimmung mit traditionellen Verfahren den verblüffend präzisen Wert 0 an. Er liess die Methode patentieren und machte sich einen Namen als Konzept-Künstler.

 

2020/1/10

Ich träumte von einem Mann, der sich an einer Bibelstelle stiess: jener, wo es heisst, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild erschuf. «Wenn das so wäre», sagte der Mann, «dann könnte man sich ja ein Bild von ihm machen. Dann wüsste man ziemlich genau, wie er aussieht.» – «Ja, das stimmt», sagte seine Frau. «Zum Beispiel so wie Phil Collins.»

 

2020/1/9

Ich träumte von Zachary Maddox, dem Bassisten der «Freiliegenden Zahnhälse». Er verstarb im Alter von 28 Jahren, als er sich auf der Bühne in das Kabel seines Fender Precision verbiss.

 

2020/1/8

Ich träumte von einem Bub, der in der Umkleide eines Hallenbads ein Zweifrankenstück entdeckte. Es war in die Abflussrinne gefallen; durch den Spalt sah er es glitzern. Mit zwei spitzen Gegenständen, dachte der Bub, könnte man’s rausklauben. Er erinnerte sich an eine alte Frau, die im Café beim Eingang am Stricken war. Rannte raus, nahm all seinen Mut zusammen und fragte sie, ob er ihre Stricknadeln für fünf Minuten ausleihen dürfe. Er habe einen Zweifränkler verloren und wolle ihn damit retten. Die Nadeln könne sie ihm nicht geben, die müssten in der Wolle bleiben, sagte die Frau. «Aber weisst du was? Hier hast du ein anderes Zweifrankenstück.» Sie drückte ihm eines in die Hand, er bedankte sich und rannte zurück. Der Zweifränkler glitzerte immer noch. Plötzlich fiel dem Bub ein, dass er den Deckel der Rinne hochheben könnte. Er versuchte es, es ging sofort, er hob die Münze raus und schloss die Rinne wieder. Als er später aus dem Bad kam, sass die strickende Frau noch immer da. Er dachte daran, zu ihr hinzugehen und ihr ihr Geld zurückzugeben. Dann kam ihm sein Vater in den Sinn, der oft davon sprach, wie reich die alten Leute seien. Er winkte der Frau sehr freundlich zu und verliess das Bad mit vier Franken.

 

2020/1/7

Ich träumte, Gucci hätte ein Brillenmodell lanciert, das aussah wie zwei aneinandergehängte Klobrillen. Anfänglich verlacht, galt die Brille schon bald als Höhepunkt des «Bad-Taste»-Trends. Ein Fashion-Blogger wollte darin sogar ein politisches Statement sehen.

 

2020/1/6

Ich träumte von einem Dreikönigskuchen, der statt eines Plastik-Königs sechs Plastik-Demokraten enthielt. Sie stritten sich um das Mittelstück.

 

2020/1/5

Ich träumte von einer Gastgeberin, die ihre Gäste aus Rücksicht nicht küsste: «Besser nicht, ich habe Herpes!» Als später das Fondue auf den Tisch kam, streifte ihr Mann ihr jedes Brotstück von seiner Gabel auf den Teller. Einzelne Gäste gaben an, dass auch sie vorsichtig sein müssten: Sie litten an Laktose-Intoleranz.

 

2020/1/4

Ich träumte von einem Bettler, der nicht «Danke», sondern «Bitte» sagte, wenn man ihm eine Münze zuwarf. «Das Gefühl der Barmherzigkeit, dass Sie sich erkauft haben», teilte er mit, wenn sich jemand erkundigte, wie er das meinte, «ist mehr wert als Ihre Münze.»

 

2020/1/3

Ich träumte von einer Tourismusdirektorin, die die Hausdächer ihres Bergdorfs künstlich beschneien liess. Auf die Frage, ob das nicht dekadent sei – im Gegensatz zu den Skifahrern bräuchten ja die Shopper keinen Schnee – gab sie zur Antwort: Brauchen nicht, aber wollen, und ausserdem sei das Shopping bei Weitem der grössere Wirtschaftsfaktor.

 

2020/1/2

Ich träumte von einer Mutter, die den Glauben an die Menschheit verlor. Sie verlor ihn in dem Moment, als ihr Kind in einem Skianzug ins Haus kam, der von oben bis unten dreckig war. Ein Skianzug darf nass sein, dachte sie. Er darf zerrissen sein. Aber ein dreckiger Skianzug, das geht nicht.

 

2020/1/1

Ich träumte von einer Frau, die morgens den Sonnengruss übte, während ihr Mann ihr – ungefragt – das Wetter vorlas. Er sagte, es gebe Hochnebel.

 

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31.12.2019 | Niko Stoifberg
Kategorien: Kurzes | Schlagwörter: , ,