Halbträume

2020/1/23

Ich träumte von einem Mann, der mit seiner Frau vor dem Scheidungsrichter sass. Dort platzte dem armen Kerl der Kragen – wortwörtlich, nicht im übertragenen Sinn. Sein Hemd (sein einziges weisses, das er schon zur Hochzeit getragen hatte) war ihm inzwischen deutlich zu eng, und der oberste Knopf hielt dem Druck nicht mehr stand. Der Knopf sprang mit einem Ploppgeräusch auf und gab ein Dreieck nackter Haut frei, auf der nun die Krawatte lag. Die Frau, die grad unterschreiben wollte, schreckte hoch und musste lachen, ihr Noch-Mann auch, und selbst der Richter. Als sich das Gelächter legte, begannen die Eheleute zu weinen. Die Scheidung fand nicht statt.

 

2020/1/22

Ich träumte von einer Metal-Band, die «Gründe zur Beunruhigung» hiess. Leider stiess sie auf wenig Medienecho.

 

2020/1/21

Ich träumte von einem Jäger, der im äussersten Norden Japans an einem Eisloch auf eine Robbe wartete. Als sie auftauchte, stach er zu, und das Loch im Eis färbte sich rot. Entgegen anderslautender Mythen war es diese alltägliche Episode – und nicht die aufgehende Sonne – die ihn zu Japans Flagge inspirierte.

 

2020/1/20

Ich träumte von einer Wahrsagerin, deren Glaskugel einen Sprung hatte. (Sie war beim Abstauben runtergefallen, doch das tut hier nichts zur Sache.) «Ich sehe ein grosses Zerwürfnis zwischen China und den USA», orakelte sie. Verblüffenderweise kam am selben Tag eine grossangelegte Studie des Institute for International Economics zu exakt demselben Schluss.

 

2020/1/19

Ich träumte von einem Mann, der beim Bügeln an die Frau denken musste, die diese Arbeit früher für ihn gemacht hatte. Darob vergass er das Bügeleisen und brannte ein Loch in die Hemdbrust.

 

2020/1/18

Ich träumte von einer Frau, die auf der Suche nach einem passenden Namen für ihr Lokal auf die Idee kam, es «Das nächste Café» zu nennen. Wer daran vorbeikommt, dachte sie, für den ist es wirklich das nächste Kaffee, und wäre hätte nicht schon den Satz gesagt: «Komm, gehen wir ins nächste Kaffee». Ihre Rechnung ging hunderprozentig auf – was im Gastgewerbe eine Seltenheit ist – und sie konnte schon nach anderthalb Jahren «Das übernächste Café» eröffnen.

 

2020/1/17

Ich träumte von einem Kind, das mit einer kopflosen Puppe angerannt kam. «Was ist denn mit der passiert?» fragte die Mutter. – «Sie will nicht drüber reden», sagte das Kind.

 

2020/1/16

Ich träumte von einer Tierart, die genau an der Grenze steht zwischen Tieren mit Bewusstsein und solchen ohne. Von einer Tierart also – vielleicht einer Qualle – die knapp imstande ist, Leid zu empfinden, oder eben nicht. Die Eltern dieser Tierart, denke ich, hoffen, dass ihr Kinder doof sind.

 

2020/1/15

Ich träumte von einem Einfamilienhausbesitzer, der es schaffte, sein Häuschen auf Passivhaus-Niveau zu bringen, indem er sämtliche Wände mit alten Lebkuchenherzen isolierte.

 

2020/1/14

Ich träumte von einem Eichhörnchen, das im Winter die Nüsse nicht mehr fand, die es im Herbst vergraben hatte. Nicht, weil so viel Schnee lag, sondern weil gar keiner gefallen war, der Vorrat offen da lag und von anderen Hörnchen gefressen wurde, die sich dem Klimawandel anpassten und früher aufstanden als es.

 

2020/1/13

Ich träumte von einem Mann, der von seiner Frau verlangte, dass sie sich die Achselhaare stehen liess. «Das wollte Napoléon auch so», sagte er, «von seiner Joséphine.» – «Du bist aber nicht Napoléon», sagte sie, «du bist Herbert. Und ich bin Trudy.» Das musste er akzeptieren, doch aus Trotz liess er sich einen Schnauzbart wachsen.

 

2020/1/12

Ich träumte von einer Schriftstellerin, die ganz genau wusste, dass sie vor Jahren eine Erzählung begonnen hatte, die «Ein Ort namens Nirgends» heissen sollte. Leider fand sie das Manuskript nicht mehr.

 

2020/1/11

Ich träumte von einem Meteorologen, der die Schneefallmenge statt in Zentimetern in Anzahl Flocken mass. Ende Saison zeigte sein Messgerät in Übereinstimmung mit traditionellen Verfahren den verblüffend präzisen Wert 0 an. Er liess die Methode patentieren und machte sich einen Namen als Konzept-Künstler.

 

2020/1/10

Ich träumte von einem Mann, der sich an einer Bibelstelle stiess: jener, wo es heisst, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild erschuf. «Wenn das so wäre», sagte der Mann, «dann könnte man sich ja ein Bild von ihm machen. Dann wüsste man ziemlich genau, wie er aussieht.» – «Ja, das stimmt», sagte seine Frau. «Zum Beispiel so wie Phil Collins.»

 

2020/1/9

Ich träumte von Zachary Maddox, dem Bassisten der «Freiliegenden Zahnhälse». Er verstarb im Alter von 28 Jahren, als er sich auf der Bühne in das Kabel seines Fender Precision verbiss.

 

2020/1/8

Ich träumte von einem Bub, der in der Umkleide eines Hallenbads ein Zweifrankenstück entdeckte. Es war in die Abflussrinne gefallen; durch den Spalt sah er es glitzern. Mit zwei spitzen Gegenständen, dachte der Bub, könnte man’s rausklauben. Er erinnerte sich an eine alte Frau, die im Café beim Eingang am Stricken war. Rannte raus, nahm all seinen Mut zusammen und fragte sie, ob er ihre Stricknadeln für fünf Minuten ausleihen dürfe. Er habe einen Zweifränkler verloren und wolle ihn damit retten. Die Nadeln könne sie ihm nicht geben, die müssten in der Wolle bleiben, sagte die Frau. «Aber weisst du was? Hier hast du ein anderes Zweifrankenstück.» Sie drückte ihm eines in die Hand, er bedankte sich und rannte zurück. Der Zweifränkler glitzerte immer noch. Plötzlich fiel dem Bub ein, dass er den Deckel der Rinne hochheben könnte. Er versuchte es, es ging sofort, er hob die Münze raus und schloss die Rinne wieder. Als er später aus dem Bad kam, sass die strickende Frau noch immer da. Er dachte daran, zu ihr hinzugehen und ihr ihr Geld zurückzugeben. Dann kam ihm sein Vater in den Sinn, der oft davon sprach, wie reich die alten Leute seien. Er winkte der Frau sehr freundlich zu und verliess das Bad mit vier Franken.

 

2020/1/7

Ich träumte, Gucci hätte ein Brillenmodell lanciert, das aussah wie zwei aneinandergehängte Klobrillen. Anfänglich verlacht, galt die Brille schon bald als Höhepunkt des «Bad-Taste»-Trends. Ein Fashion-Blogger wollte darin sogar ein politisches Statement sehen.

 

2020/1/6

Ich träumte von einem Dreikönigskuchen, der statt eines Plastik-Königs sechs Plastik-Demokraten enthielt. Sie stritten sich um das Mittelstück.

 

2020/1/5

Ich träumte von einer Gastgeberin, die ihre Gäste aus Rücksicht nicht küsste: «Besser nicht, ich habe Herpes!» Als später das Fondue auf den Tisch kam, streifte ihr Mann ihr jedes Brotstück von seiner Gabel auf den Teller. Einzelne Gäste gaben an, dass auch sie vorsichtig sein müssten: Sie litten an Laktose-Intoleranz.

 

2020/1/4

Ich träumte von einem Bettler, der nicht «Danke», sondern «Bitte» sagte, wenn man ihm eine Münze zuwarf. «Das Gefühl der Barmherzigkeit, dass Sie sich erkauft haben», teilte er mit, wenn sich jemand erkundigte, wie er das meinte, «ist mehr wert als Ihre Münze.»

 

2020/1/3

Ich träumte von einer Tourismusdirektorin, die die Hausdächer ihres Bergdorfs künstlich beschneien liess. Auf die Frage, ob das nicht dekadent sei – im Gegensatz zu den Skifahrern bräuchten ja die Shopper keinen Schnee – gab sie zur Antwort: Brauchen nicht, aber wollen, und ausserdem sei das Shopping bei Weitem der grössere Wirtschaftsfaktor.

 

2020/1/2

Ich träumte von einer Mutter, die den Glauben an die Menschheit verlor. Sie verlor ihn in dem Moment, als ihr Kind in einem Skianzug ins Haus kam, der von oben bis unten dreckig war. Ein Skianzug darf nass sein, dachte sie. Er darf zerrissen sein. Aber ein dreckiger Skianzug, das geht nicht.

 

2020/1/1

Ich träumte von einer Frau, die morgens den Sonnengruss übte, während ihr Mann ihr – ungefragt – das Wetter vorlas. Er sagte, es gebe Hochnebel.

 

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31.12.2019 | Niko Stoifberg
Kategorien: Kurzes | Schlagwörter: , ,